Mein Leben ist Beobachten. Und Verstehen wollen. Was passiert zwischen den Zeilen, was trägt ein Mensch mit sich, welche Begegnungen bereichern mich – das sind die Fragen, die mich antreiben. Ich bin Kommunikationsberaterin, Coach und Seminarleiterin – und dieser Rückblick ist keine Zusammenfassung von Terminen, sondern eine Sammlung von Momenten, die mich im Juni beschäftigt, berührt oder zum Nachdenken gebracht haben. Manches davon ist persönlich, manches beruflich – bei mir lässt sich das ohnehin kaum trennen.
Oleander am Straßenrand – und plötzlich sah ich den Juni anders
Wow, noch nie ist mir die Schönheit des Juni so aufgefallen wie dieses Jahr. Angefangen damit, dass ich auf der Heimfahrt aus Süditalien sah, wie toll der Oleander in verschiedenen Farben direkt neben der Autobahn wuchs. Quasi deren Autobahn-Seitenstreifen. Kilometerlang rosa, rot, weiß. Ich dachte, boah, im Sommer ist hier sicher alles ganz trocken. Mit diesem Blick bin ich nach Hause gekommen und habe dieses Jahr das erste Mal so bewusst gesehen, wie viele Farben der Juni hat. Dabei habe ich im Juni Geburtstag und habe immer schon Blümchen bekommen. Ja, dieses Jahr ist es, wie wenn ich z.B. Rosen das erste Mal sehe: Wo ich hinsehe: Rosen. Mir waren sie für den Garten immer zu aufwändig. Heute freue ich mich an der Vielfältigkeit.
Wie feiert man gut Geburtstag? Meine Antwort kam beim Brotbacken
Wie feiert man gut Geburtstag? Das fragte ich mich dieses Jahr. Ich wusste einfach nicht, was ich machen will. Alles fühlte sich nicht richtig an. Ich hatte nur immer wieder Gedanken, was ich nicht will. Ich beschloss, solange ich nicht weiß, was ich will, mache ich nichts.
Und dann stand ich am Vorabend in der Küche und backte Brot – für mich. Und plötzlich kam ein Impuls: Ich möchte einen Kirschkuchen. Oh, wo kam das her? Und ich möchte ein Tiramisù. Also war ich in der Küche und bereitete nicht nur Brot, sondern auch Kirschkuchen und Tiramisù mit speziellen Zutaten zu. Es fühlte sich stimmig an. Aber wofür? Während des Backens und Richtens kam dann die Idee, wie ich den Geburtstag begehen möchte. Toll, sich so auf seine Emotionen und Intuition zu verlassen – mit der Sicherheit: Es wird was daraus, auch wenn ich jetzt noch nicht weiß, was.
Ich mache offene Tür. Wer mag, darf kurz vorbeikommen, mir gratulieren und auch bald wieder gehen. Nach dem zentralen Post in der Großfamiliengruppe konnte der Tag kommen. Und ich möchte sagen: Es war super. Genau so, wie ich gedacht hatte. Manche kamen nur kurz vorbei, andere blieben etwas länger. Es entstand eine eigene Dynamik. Keiner fühlte sich verpflichtet, die ganze Zeit über zu bleiben. Ich bin froh, meiner Intuition vertraut zu haben.
Blogparade und Perspektivwechsel
Im Juni war auch der Aufruf zur Blogparade. Nachdem ich letztes Jahr mit „Chefs-Erfahrungen“ mitgemacht hatte, wo es darum ging, was Dein bester und Dein schlechtester Chef ausmacht bzw. was Du daraus gelernt hast, überlegte ich immer wieder, was diesmal passen könnte. Und ich bin bei „Und plötzlich sah ich es ganz anders“ gelandet, da es mir doch ein paar krasse Perspektivwechsel-Erfahrungen gab. Vielleicht fühlst Du Dich auch angesprochen und willst mitmachen, oder nur meinen Beitrag dazu lesen.
Arbeiten auf der Terrasse – wenn die Natur mitdenkt
Meine Kunden musste ich im Juni im klimatisierten Raum empfangen – nicht alle. Mit einer Person konnte ich auch auf der Terrasse sitzen und arbeiten. Da bin ich sehr froh über meinen ungewöhnlichen Arbeitsplatz. Da habe ich immer das Gefühl, die Natur hilft mit zu klären, sei es, weil ein Tier vorbeiläuft, oder weil ein Wind kommt, oder sonst etwas ist. Die Arbeit ist in der Regel leichter als in Räumen.
Greator, Quick Wins und warum mir „drei Punkte“ nicht reichen
Im Juni wurde mir auch deutlich, was ich mag und was ich nicht mag. Eine Bekannte war auf dem Greator Festival in Köln. Ich war schon gespannt, wie sie dazu kam und was sie daraus mitgenommen hat. Ich war sehr überrascht – mit so viel Kritik hatte ich nicht gerechnet. Nachdem ich ja einen Artikel darüber geschrieben habe, wie Frauen sich extrem über den Tisch ziehen lassen, kam von der Frau auch die beobachtende Position: Alle sind schon was, alle wollen ein Zusatzprodukt verkaufen, alles ist nur eine Show. Die drei wichtigsten Punkte, und dann bist Du reich. Die fünf Punkte, die Du beachten musst, um sofort erfolgreich zu sein. Als Führungskraft kann sie die Wörter „Quick Win“ nicht mehr hören, und sagt ihren Leuten schon: Wer das nochmal sagt, den wirft sie raus.
Wenn die Show wichtiger ist als der Mensch
Greator sei nur so eine Show gewesen. Die Frauen dort seien vor allem Opfer-Typen – Frauen, die schon das dritte, vierte Mal kommen und ganz aufgeregt werden, wenn ein „Veit Lindau“ den Weg entlangkommt. Ja, er ist auch nur ein Mensch, aber es sei krass, wie die Stimmung sich verändert, wenn er durchläuft. Meine Bekannte hatte sich zudem eine Position gesucht, um zu beobachten, wie die Leute auf die Bühne kommen und wieder gehen. Tja – die müssen sich ganz schön hochfahren, um in diesem High-Level-Modus zu sein, und direkt danach krachen sie wieder zusammen.
Aufwärmübungen hinter der Bühne hatte sie erspäht. Und gesehen, wie „Geschenke“, die auf der Bühne hochgehalten wurden, dahinter sofort in die Ecke geworfen wurden. Ja, ich weiß schon, warum ich nicht nach Köln oder zu solchen Veranstaltungen will. Es gibt schon lange solche High-Energy-Veranstaltungen. Der Inhalt ist mir sehr vertraut. Es zieht vor allem die Form, die große Wandlung verspricht. Ist die Veranstaltung vorbei, verpufft die Energie oft schnell wieder. Manche gehen dann sofort zur nächsten Veranstaltung. Da ist die Energie wieder hoch. Aber verändern tut sich zwischendrin nichts. Trotzdem zieht es viele Menschen hin. Ein Bedürfnis ist da. Aber ich vermute, viele durchschauen den Mechanismus nicht. Und mir wurde wieder mal deutlich, warum ich scheinbar schnelle Lösungen schon immer nicht mochte.Greator, Quick Wins und warum mir „drei Punkte“ nicht reichen
Süditalien, Sizilianer und die Frage nach der Heimat
Anfang Juni war ich noch in Italien gewesen. Genauer in Süditalien, „am Sporn“. Es hat mir sehr gut dort unten gefallen. Das Lebensgefühl war ganz anders als hier. Vermutlich sind die Menschen viel ärmer als hier, aber sie leben entspannt, und tatsächlich war es auch nicht so heiß wie erwartet. Jetzt bin ich hier immer wieder in einer italienischen Bar/Café/Lebensmittelladen. Was zu Beginn „nettes Einkaufen beim Italiener“ war, hat sich zu einem Treffpunkt auch für uns entwickelt. Wir sitzen immer wieder mit verschiedenen Deutsch-Italienern zusammen, trinken unser Getränk und reden. Deutsch, mal ein paar Brocken Italienisch. Wir kennen die Leute inzwischen und die Geschichten. Viele sind schon seit Kindheit hier, meist noch in Italien geboren. Die einen haben die große Sehnsucht, wollen immer wieder heim, sprechen auch vom baldigen Zurückkehren. Die anderen sagen: Was will ich in Italien.
Was bleibt, wenn man die Heimat verlässt
Heute traf ich einen, der seit den 1960er Jahren hier ist. Er ist Sizilianer. Aha, gut zu wissen. Tiroler und Sizilianer sind was Eigenes. Bei ihm war keine Sehnsucht da. Er sagte: Was soll ich da unten? Meine Ahnen kamen aus dem Inneren Siziliens. Da ist kein Meer. Da ist nix – und er lebt hier. Was ist hier? Seine Frau. Seine Kinder? Sind groß und in der Schweiz und Amerika. Diese Geschichten berühren mich sehr. Was macht das systemisch mit den Menschen, wenn sie die Heimat verlassen, in ein anderes Land gehen? Warum sind seine Kinder jetzt in der Schweiz und Amerika?
Andere wiederum feiern dieses Jahr genau am Sporn ihre Hochzeit. Große italienische Familie. Wir bekommen die Hochzeitsvorbereitungen mit. Es unterscheidet sich inhaltlich nicht groß von unseren Vorbereitungen in Deutschland, aber es unterscheidet sich in der Sehnsucht nach „Italien“, nach „zu Hause“ und „hin zu den Verwandten“. Ich jedenfalls bin über diese italienischen Kontakte sehr froh. Regen sie mich doch an, viel über dieses Auswandern, Heimat verlassen, Warum, was ist hier besser und wie gehe ich mit der Sehnsucht um, nachzudenken.
Ich freue mich darauf, wenn ich in der Aufstellung mal auf einen Italiener treffe, weil ich mich wirklich frage, was dieses Auswandern in den Seelen macht. Die Nachwehen der Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten hatte ich schon mehrfach, auch in den Auswirkungen auf die Nachfahren. Was macht das Auswandern nach Deutschland? Und ganz nebenbei – für uns schwer zu verstehen – wie kann man so ein tolles Land verlassen, vor allem, wenn man die Wärme gut verträgt.
Wir sind mehr unsere Ahnen, als wir glauben
Ich wünschte, dieses Thema des transgenerationalen Traumas wäre viel bekannter. Viel Leid könnte man sich im Hier und Jetzt ersparen. Der Blickwinkel ist nur so speziell, dass eine einfache Erklärung oft nicht reicht und die Menschen nicht erfassen, was ich meine. Denn sie sind so überzeugt, dass dieses „Ich“ das sind. Dabei sind wir mehr unsere Ahnen, als wir glauben.
Es ist nicht ganz leicht, das Thema zu erklären. Und verstehen tun wir es erst in Aufstellungen, wo sichtbar wird, dass das, was wir jetzt als unser Problem wähnen, oft viel genauer zu einer ganz anderen Situation unserer Ahnen passt. Etwas, wo unser Verhalten Sinn macht – vieles, was wir heute erleben, macht keinen rechten Sinn. Warum sollte ein Mann seine Verwandten nicht treffen wollen? Warum hat er Angst vor ihnen? Warum fühlt er sich so heftig ausgegrenzt? Im realen Leben gibt es dafür keine Ursache – aber ich bin sicher, wir fänden in der Aufstellung sehr schnell, wer wegen was ausgegrenzt wurde.
Wenn sich in der Aufstellung der Ahn mit seiner Geschichte zeigt, ist es plötzlich völlig logisch, dass es nicht zur Gegenwart gehört. Und damit kann sich das Thema im Hier und Jetzt innerhalb von Kurzem auflösen – als hätte es nie existiert.
Bei meiner Kundin erfragte ich vor allem ihre Biografie und die der Familie. Da war so viel Schweres, dass mir klar war: Egal, was die Frau aktuell für ein Thema hat, es wird nicht ihr persönliches Thema sein. Sondern nur in dem Sinne, dass sie das Thema trägt. Die Ursache liegt woanders. Und ich bin sicher, aufgrund von dem, was ich bereits gehört habe, dass ich ihr aufzeigen kann, welchem Ahn sie gerade folgt – und wie sie es auch selbst anders machen könnte.
Das war jetzt eher ein ungewöhnlicher Monatsrückblick. Aber genau so ist mein Leben zusammengesetzt – aus vielen Ereignissen, die Stoff liefern, darüber nachzudenken und es in mir zu bewegen. In dem Sinne bin ich neugierig, was der Juli bringen wird.