Übergriffige Kommunikation ist oft schwer zu greifen.
Sie kommt nicht laut daher, sondern gut gemeint.
Gerade deshalb hinterlässt sie häufig Unklarheit und ein ungutes Gefühl.
Dieser Text lädt dazu ein, genauer hinzuschauen – und die Dynamik zu verstehen.
Das Wichtigste in Kürze:
- Sie kommt als Sorge daher: „Du bist mir wichtig. Ich will Dich nicht verlieren – deshalb versprich mir, dass Du XY machst.“ Klingt liebevoll. Ist trotzdem Übergriff.
- Es ist die eigene Not, die dem anderen übergestülpt wird – so, als könnte er selbst nicht überlegen und handeln.
- Der Unterschied liegt in der Frage: „Wie siehst Du das?“ öffnet. „Was glaubst Du, wie es mit Dir weitergeht, wenn Du nicht so machst?“ drückt nur Druck aus.
- Wer selbst übergriffig war, darf die Scham aushalten – und sich fragen, warum er oder sie es getan hat.
Was ist übergriffige Kommunikation?
Übergriffige Kommunikation ist Kommunikation, die sich – oft aus Sorge heraus – über die Selbstbestimmung des anderen hinwegsetzt und ungefragt Empfehlungen, Vorschläge oder Befehle gibt.
Übergriffige Kommunikation.
Woran denkst Du dabei?
An jemanden, der es böse mit Dir meint?
Der Dich lenken will?
Der laut manipuliert?
„Übergriffig“ ist ein hartes Wort.
So hart, dass viele es gar nicht hören wollen.
Denn wer will schon übergriffig sein?
Also zuerst die Frage:
Was ist überhaupt übergriffige Kommunikation?
Und wer ist übergriffig?
Wenn Sorge zum Übergriff wird
Übergriffige Kommunikation entsteht oft nicht aus Bosheit,
sondern aus gut gemeinter Sorge.
„Ich will doch nur das Beste für Dich.“
„Ich mache mir solche Sorgen um Dich.“
„Das darf Dir nicht passieren.“
Und dann folgt:
Deshalb musst Du …
Der Übergriff entsteht aus innerer Not,
aus Angst, aus Verzweiflung.
Diese Not wird jedoch nicht selbst getragen,
sondern ausgelagert.
Der andere muss etwas tun,
damit es mir besser geht.
„Ich meine es doch nur gut“ – und was dabei verloren geht
„Du bist mir so wichtig.“
„Ich mache mir solche Sorgen um Dich.“
„Deshalb musst Du …“
Nach solchen Gesprächen fühlt man sich oft schlecht.
Unklar.
Irritiert.
Man merkt: Irgendwas ist schiefgelaufen.
Aber was?
Der andere liebt mich doch.
Macht sich Sorgen.
Und ich bin unzufrieden?
Warum fühlt man sich nach solchen Gesprächen schlecht?
Ja.
Und Du hast allen Grund, Dich schlecht zu fühlen.
Denn Dir wurde gerade abgesprochen,
dass Du für Dich selbst sorgen kannst.
Dass Du wahrnehmen kannst, was Dir guttut.
Dass Du erwachsen bist.
Stattdessen bekommst Du den ultimativen Tipp.
Nicht, weil er für Dich gedacht ist –
sondern weil der andere es nicht aushält,
wenn es Dir scheinbar oder tatsächlich nicht gut geht.
Der Unterschied ist entscheidend.
Ungefragte Ratschläge – gut gemeint, nicht auf Augenhöhe
Würdest Du sagen:
„Mir geht es nicht gut. Hast Du einen Tipp für mich?“
Dann wäre es ein gemeinsames Suchen.
Ein Dialog.
Ein Miteinander.
Nicht in Ordnung sind ungefragte Ratschläge,
verbunden mit Sorge, Druck oder moralischem Appell.
Ist das wirklich Dein Problem?
Eine hilfreiche Frage lautet deshalb:
Ist das angesprochene Problem auch Dein Problem?
Oder gehört es eigentlich dem anderen?
Suchst Du überhaupt nach einer Lösung?
Alltägliche Beispiele für Übergriffigkeit
Die einfachste Form von Übergriffigkeit kennen viele aus dem Alltag.
Die Mutter, die zum erwachsenen Sohn sagt:
„Zieh Dir eine Mütze an, es ist kalt draußen.“
Der gleiche Inhalt könnte auch so klingen:
„Ich friere bei dem Wetter schnell am Kopf.
Wie ist das bei Dir?“
| So klingt’s übergriffig | So klingt’s auf Augenhöhe |
|---|---|
| „Zieh Dir eine Mütze an, es ist kalt draußen.“ | „Ich friere bei dem Wetter schnell am Kopf. Wie ist das bei Dir?“ |
| „Geh nächste Woche unbedingt zum Zahnarzt!“ | „Bei mir wurde ein entzündeter Zahn als Ursache für Gelenkprobleme festgestellt – vielleicht ist das bei Dir auch so.“ |
| „Du hast schon wieder nasse Haare!“ | „Ich bekomme von nassen Haaren immer Kopfweh. Ist das bei Dir anders?“ |
Wenn eigene Not auf andere projiziert wird
Als Jugendliche liebte ich es,
mit nassen Haaren draußen zu sein.
Ich bekam immer wieder gesagt:
„Trockne Dir die Haare.“
Nein – ich liebte es genau so.
Ich wusste damals schon,
was ein Föhn ist und wie man ihn benutzt.
Es war nur nicht mein Bedürfnis.
Heute ist es anders.
Mein Körperempfinden hat sich verändert.
Jetzt mag ich es nicht mehr,
mit nassen Haaren nach draußen zu gehen.
Diese Entscheidung treffe ich selbst.
Viele Menschen können nicht gut
zwischen sich und anderen unterscheiden.
Sie projizieren ihre eigene Not auf andere.
Besonders schwierig: Wenn Betroffene selbst übergriffig werden
Der Moment, in dem jemand erkennt,
dass er selbst übergriffig handelt,
ist oft von tiefer Scham begleitet.
Genau das,
was er bei sich selbst nicht ertragen konnte,
hat er nun anderen zugemutet.
Diese Scham ist schwer auszuhalten.
Und zugleich ist sie ein Wegweiser.
Nicht zum Anderen.
Sondern zu sich selbst.
Kümmere Dich um Dich.
Schau, wo diese Scham sitzt.
Und geh dort in Kontakt mit Dir.
Wer das erkennt,
kann den Fokus langsam zurückholen.
Weg vom Anderen.
Hin zu sich selbst.
Übergriffige Kommunikation erkennen – mitten im Gespräch oder erst danach
Was also tun,
wenn Du übergriffige Kommunikation erlebst?
Zuerst: Erkennen.
Manchmal erst nach dem Gespräch.
Immer öfter auch schon mitten im Gespräch.
Dann: Wahrnehmen.
Wie geht es mir gerade damit?
Welche Gefühle tauchen auf?
Wirklich zuhören ist eine Fähigkeit für sich.
Erst wahrnehmen, dann reagieren
Es ist hilfreich,
sich zunächst selbst über die Dynamik klar zu werden.
Was empfinde ich als übergriffig?
Ist es übergriffig?
Und warum tut der andere das?
Erst danach stellt sich die Frage:
Wie will ich reagieren?
Wie Du Dich auf ein schwieriges Gespräch vorbereitest, findest Du hier.
- Erkennen
- Wahrnehmen
- Reagieren
Warum Klartext oft ins Leere läuft
Überspringen wir diese Zwischenschritte,
neigen wir dazu,
dem anderen „endlich mal die Meinung zu sagen“.
Die Folge ist oft völliges Unverständnis.
Denn der andere meint es ja „nur gut“.
Was eine gute Streitkultur ausmacht, habe ich hier beschrieben.
Es ist Dein Körper. Dein Leben. Deine Verantwortung.
Was dabei übersehen wird:
Es ist Dein Körper.
Dein Leben.
Deine Verantwortung.
Gut gemeint –
aber nicht erwachsen gedacht.
Du wirst behandelt,
als könntest Du nicht selbst entscheiden,
was richtig für Dich ist.
Warum verwechseln wir Sorge mit Nähe?
Und wenn das die einzige Form von Zuwendung ist,
die Du von dieser Person bekommst,
hörst Du besonders lange zu.
Nicht, weil Du Dich wirklich gesehen fühlst.
Sondern weil Du glaubst, dem anderen wichtig zu sein.
Du glaubst den Worten.
Vielleicht auch, weil da eine Sehnsucht ist,
endlich wichtig zu sein für jemanden.
Doch das ist die harte Wahrheit:
In diesem Moment geht es dem anderen nicht um Dich.
Es geht um seine innere Not.
Seine Angst.
Sein Bedürfnis nach Beruhigung.
Das zu erkennen tut weh.
Und es braucht Mut, es sich einzugestehen.
Übergriffige Kommunikation ist Kommunikation, in der gut gemeinte Sorge zu Druck wird – etwa wenn ungefragte Ratschläge mit moralischem Appell verbunden werden („Ich mache mir solche Sorgen, deshalb musst Du…“). Sie entsteht meist nicht aus Bosheit, sondern weil der andere entweder die eigene Sorge nicht selbst aushält und sie auf Dich auslagert, oder weil er Dich nicht für kompetent genug hält und meint, er müsse Dir sagen, was zu tun ist.
Ein Signal: Du fühlst Dich nach dem Gespräch unklar, irritiert oder schlecht, obwohl der andere es „nur gut meint“. Eine zweite Frage hilft: Ist das angesprochene Problem wirklich Deins – oder gehört es eigentlich dem anderen?
Ein Ratschlag, um den ich gebeten habe, ist Dialog auf Augenhöhe. Ein ungefragter Ratschlag, verbunden mit Sorge, Druck oder moralischem Appell, ist es nicht – er spricht mir ab, selbst für mich sorgen zu können.
Erst erkennen, dann wahrnehmen, was es in mir auslöst, erst danach reagieren. Wer diese Reihenfolge überspringt und sofort Klartext redet, stößt beim anderen oft nur auf Unverständnis, weil er es ja „nur gut meint“.
Die Scham darüber ist unangenehm, aber ein Wegweiser – nicht zum anderen, sondern zu mir selbst. Es hilft, den Fokus zurückzuholen: weg vom anderen, hin zur eigenen Not, die gerade wirklich dahintersteckt.
2 Kommentare
Es gibt Blog-Themen/Blogparaden, dazu schreibe ich lieber gar nicht erst ….aber trotzdem wundert es mich oft noch, was wohlmeinende Kommentatorinnen aus ganz einfachen simplen Alltags-Beiträgen alles herauslesen…wozu sie mir dann gute Ratschläge geben *müssen*! Unbedingt.
Inzwischen hab ich wenigstens aufgehört, mich da zu rechtfertigen, zu erklären, warum das so nicht geht, wie sie sich das denken oder ich das nicht möchte weil ich mein Leben als gut für mich empfinde, wie es nun mal ist…, Erfahrungen damit zu schildern, aufzuzählen, WAS ich alles schon von selbst versucht habe (weit mehr, als die mir raten!), wie viele Anträge ich bereits erfolglos gestellt habe etc. Denn es sind natürlich immer Menschen, die selbst niemals in meiner Lage waren, die niemals einen solchen Antrag stellen muszten, die abgesichert und körperl. unversehrt sind.
Mit sowas ging es mir dann immer ganz mies…oft tagelang.
Inzwischen lösche ich manchmal noch meine Beiträge wieder oder ich gehe selbst nicht mehr auf diese Kommentare ein.
Soweit, auf meinem Blog zu schreiben „Gute Ratschläge bitte an Papierkorb@… “ bin ich noch nicht. Damit komme ich mir dann doch zu arrogant vor. Oder?
LG Mascha
Ja, liebe Mascha, Danke für Deinen Kommentar. Genau darum ging es mir mit dem Artikel diese ungefragten „Besserwisser“. Witzige Idee, mit dem Papierkorb. Aber ja, kommt sicher nicht so gut. Viele Grüße Andrea