Objektbehandlung und Übergriff im Alltag

Mandalablüte in gelb


Wenn Fürsorge entmündigt

Lange habe ich mit dem Begriff „Objektbehandlung“ gefremdelt.
Er klang sperrig, theoretisch, fremd.
Und doch beschreibt er etwas, das wir alle kennen – oft ohne es zu bemerken.
Momente, in denen Menschen nicht mehr als Subjekte gesehen werden, sondern als Objekte.

Gerald Hüther, der bekannte Neurobiologe prägte den Begriff „Objektbehandlung“.


Meine Güte, tat ich mir schwer damit.

Was ist ein Objekt?
Und was hat „Objekt-Sein“ mit Menschen zu tun?

Inzwischen ist mir das viel klarer.
Und ich möchte es Dir heute genauer beschreiben.

Wenn man sich damit beschäftigt, wird deutlich, wie sehr wir in einer Kultur leben, in der wir uns gegenseitig zum Objekt machen – und auch wie Objekte behandeln.

Oftmals mit der positivsten Absicht: das Beste für uns zu wollen.

Achtung:
Wenn Du jetzt weiterliest, wird es ungemütlich.

Wir leben oft mehr oder weniger zufrieden in unserer Welt.
Halten sie für „normal“.

Doch wenn Du erst verstehst, wo Du zum Objekt gemacht wirst,
ist es nicht mehr so leicht, die Augen zuzumachen.

Und Du wirst Dir auch immer wieder die Frage stellen:
Wo mache ich andere zum Objekt?

Was heißt: zum Objekt machen?

Ein Objekt ist ein Gegenstand.

Ich behandle den anderen wie einen Gegenstand:
Ich schiebe ihn hierhin oder dorthin,
bewerte ihn,
beurteile ihn,
vergleiche ihn.

Ohne die Individualität zu sehen.
Ohne das Subjekt.
Ohne die Besonderheit.
Ohne das Menschliche.

Egal, in welchem Alter wir sind:
Wir sind Subjekte.

Ein Baby genauso wie ein dementer Mensch.
Und alles dazwischen.

Subjekt sein – Autonomie

Wenn ich den anderen als Subjekt behandle,
erkenne ich seine Autonomie an,
seine Selbstbestimmtheit,
seine Wünsche.

Ich weiß nicht, was gut für den anderen ist.
Die Person ist eigenständig.
Sie hat einen freien Willen.

Wenn ich in die Person des anderen eingreife,
in sein Feld,
nennt man das einen Übergriff.

Ich greife in seine Autonomie ein
und meine, es von außen besser zu wissen.

An dieser Stelle kannst Du kurz innehalten.

Kennst Du das?

Über Dich wird bestimmt.
Deine Meinung zu Deinem Thema ist nicht gefragt.
Andere wollen über Dich bestimmen
oder haben über Dich bestimmt.

Genau darum geht es:
Sich der eigenen Autonomie bewusst zu werden.
Den freien Willen zu spüren.
Und für sich eintreten zu können.

Das ist nicht leicht.

Denn unsere Welt ist voll von „gut gemeint“.

Viele Menschen meinen es gut mit Dir
und machen Dir ungefragt Vorschläge,
bewerten Dein Tun,
beurteilen oder verurteilen Dich.

Eltern, Kinder, Erwartungen

Eltern müssen zu Beginn viele Entscheidungen für ihr Kind treffen.

Die Frage ist:
Wann fangen sie an, dem Kind seinen Willen zu lassen?

Wann hören sie auf, alles besser zu wissen?

„Schläft es schon durch?“
Als wäre das das größte Ziel nach ein paar Tagen.

Was macht das mit dem Kind, wenn es das hört?

Es soll gefälligst durchschlafen.
Wer sagt das?
Wer meint das?
Wer sagt, dass das dem entspricht, was das Kind will?

Autoritäten und Übergriffe

In unserer Kultur gibt es Menschen, die prinzipiell dazu neigen, übergriffig zu sein.

Früher waren das oft „Würdenträger“:
Ärzte, Lehrer, Pfarrer, Richter.

Heute ist das nicht mehr so ausgeprägt wie früher.
Trotzdem gehört Mut dazu, dem Besserwissen eines Arztes zu widersprechen.

Geburt als Beispiel

Und das fängt oft schon bei der Geburt an.

Ich war überrascht, als ich zum ersten Mal einen Vater darüber sprechen hörte,
dass der Kaiserschnitt geplant wird,
weil das besser für Mutter und Kind sei.
Weil alles besser heilt.

Ich war erstaunt.

So weit sind wir schon?

Schauen wir auf die Autonomie der Mutter
und auf die Autonomie des Kindes.

Die Autonomie der Mutter kann berücksichtigt sein,
wenn sie sich bewusst für diesen Weg entscheidet.

Aber oft wird ihr vorher schon die Kraft zur natürlichen Geburt abgesprochen.
Sie wird als gefährlich dargestellt.

Ja, Geburt ist immer potenziell gefährlich.
Früher wie heute.

Aber es ist auch ein Wechselspiel zwischen Mutter und Kind.
Ein Abstimmen.
Ein gemeinsames Finden des richtigen Moments.

Heute greifen wir oft ein:
aus Angst,
aus Besserwissen.

Uns fehlt das natürliche Wissen.

Ich stelle keine Form als Ideal hin.
Weder Kaiserschnitt noch Alleingeburt.

Ich will die Bandbreite zeigen. Weil selbst diese Bandbreite uns nicht als reale Möglichkeit gezeigt wird.

In vielen Aufstellungen landen wir bei Schwangerschaft und Geburt.
Aus Sicht des Kindes.

Und ja:
Oft wird dort etwas sichtbar,
das dem Kind von außen aufgezwungen wurde,
was seinem inneren Sein nicht entsprach.

Das wirkt ein Leben lang.

Dein Alltag

Deshalb:

Schau in Deinen Alltag.

Wer macht Dich zum Objekt?
Wer glaubt, besser zu wissen, was gut für Dich ist?
Wer bewertet Dich?

Wenn Du genauer hinschauen willst, wie sich Übergriffigkeit im Alltag zeigt, findest Du hier einen passenden Vertiefungstext:
Übergriffige Kommunikation erkennen – wenn Sorge entmündigt.

Und:
Wo greifst Du in andere Persönlichkeiten ein?

Weiterdenken

Wenn Dich das Thema vertieft interessiert, findest Du hier drei passende Texte:

Für Dich

Vielleicht hast Du beim Lesen gemerkt, dass dieses Thema Dich berührt.
Dass es etwas mit Deinem Alltag und Deinen Beziehungen zu tun hat.

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Andrea Sam ist Kommunikationsberaterin und Coach –
für gelingende Gespräche, klare Führung und persönliche Entwicklung.

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