Hui, schwerer Titel. Aber es muss mal gesagt werden. Es gibt diesen Satz, der in der Szene rumschwirrt, ungesagt meistens, aber trotzdem spürbar: Wenn Du nur genug an Dir arbeitest, bleibst Du gesund. Oder wirst wieder gesund. Und wenn nicht – dann hast Du wohl nicht genug gemacht. Oder das Falsche.
Krankheit versus Symptome
Wir haben Beschwerden. Symptome. Die zusammen ergeben dann eine sogenannte „Krankheit“.
Als Krankenschwester hab ich früh gelernt, was Krankheitsnamen eigentlich aussagen. Nimm Hypertonie. Klingt nach Diagnose, nach Wissen. Heißt aber einfach nur: Bluthochdruck. Und woher der kommt? Zu rund 90 Prozent „essenziell“. Auf Deutsch: Wir haben keine Ahnung. Und die Grenze, ab der Du als „Hypertoniker“ giltst, wurde nach unten verschoben: 1985 lag sie noch bei 160/95, heute reichen 140/90.
Viele Krankheitsnamen klingen toll. Manche lösen puren Schrecken aus – kaum einer hört „Bauchspeicheldrüsenkrebs“, ohne sofort zu wissen, dass „der jetzt schnell stirbt“. Vieles davon stimmt sicher, aus der Beobachtung heraus. Aber schau genauer hin, und schon sind sich nicht mal alle Ärzte einig. Selbst Blutwerte werden in Deutschland anders eingeschätzt als anderswo auf der Welt. Dasselbe Blutbild, andere Bedeutung, je nachdem, wo Du sitzt.
Ich könnte ewig so weiterschreiben. Menschen, die voll auf die Schulmedizin vertrauen, macht das ziemlich kirre.
Was hinter diesem Satz wirklich steckt
Der Glaubenssatz dahinter, ganz nüchtern formuliert: Wer krank wird, hat nicht genug an sich gearbeitet.
Ob das stimmt, kann ich Dir gar nicht sagen. Ehrlich nicht. Kommt drauf an, welches Denkgebäude Du zugrunde legst. Die einen sagen, jedes Symptom hat eine seelische oder geistige Ursache. Andere legen das gar nicht zugrunde. Und die eigentliche Frage ist nicht, wer recht hat. Die Frage ist: Was legst Du zugrunde? Was glaubst Du, warum Du krank bist? Das darfst Du selbst entscheiden. Niemand sonst.
Meine Antwort darauf: Ich weiß es nicht. Und ich glaub, das ist auch okay so. Jedes Denkgebäude, das ich mir anschau, ist ziemlich bestimmt in seiner Erklärung – aber die Erklärungen widersprechen sich. Also entscheide ich mich nicht für eine. Ich lass die Frage offen.
Was ist bei mir eigentlich los?
Meine Gelenke wandern. Mal die linke Hüfte, mal die rechte, dann wieder das Knie. Nicht besser geworden über die Zeit. Schlechter. Und als mir das so richtig bewusst wurde, kam natürlich die Frage: Hab ich denn genug getan? Oder das Falsche?
Und dann kommt von außen die Antwort, bevor ich überhaupt fertig gefragt hab: Geh doch mal zum Arzt.
Ha. Als hätt ich das nicht längst durchdacht.
Ich bin Krankenschwester. Ich weiß, wie die Schulmedizin tickt, ich kenn die Antworten fast, bevor sie kommen. Neue Hüfte, vielleicht. Will ich das? Kann ich dann noch frei entscheiden, wenn der Satz erstmal im Raum steht? Ich hab mir das alles vorweggenommen. Bewusst. Und mich dagegen entschieden, dort erstmal eine Einschätzung zu holen.
Das löst Sorgen aus bei den Leuten. Versteh ich. Wer nur einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus – wer nur die Schulmedizin kennt, für den ist „geh doch zum Arzt“ die einzig logische Antwort. Viele Menschen kennen eben nur die Schulmedizin. Krank gleich Arzt, automatisch, ohne Nachdenken. Dabei ist die Schulmedizin auch nur ein Denkgebäude neben vielen anderen – mit genauso viel Berechtigung wie die anderen, aber eben das gewohnte. Das, was alle kennen.
Was mir dabei eigentlich fehlt, ist meistens nicht der Ratschlag selbst. Es ist das Nachfragen davor. Wenn jemand mit dem einen Satz kommt, den jeder kennt, geh doch zum Arzt, ohne zu wissen, wie viel ich längst geprüft hab. Wie viele Methoden. Wie viele Denkgebäude. Und auch nicht, welche inneren Muster da noch mitspielen.
Welche Sichtweisen ich alle kenne und durchdacht hab
- Schulmedizin
- Ärzte mit der These, dass wir vergiftet sind und entgiften sollten
- Ärzte mit der These, dass Vitamin-D- oder Lithium-Mangel dahintersteckt
- Anthroposophie
- Anthony William
- Clemens Kuby
- Liebscher & Bracht
- Dr. Sielmann aus Bad Oldesloe, bei dem ich sogar Fortbildungen gemacht hab
- Stirnstrich nach Dr. Heinrich Zeeden
- Reinkarnationstherapie
- Spiegeltechnik
- Buddhismus
- Feldenkreis
- Aufstellungen / IoPT
- verschiedene Heilpraktiker-Sichtweisen
- esoterische Betrachtungsweisen
- Schamanische Arbeit
Und das sind nur Beispiele. Es gibt noch viel mehr, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin.
Und weißt Du, was ich dabei gemerkt hab, während ich Dir das grad erzähl? Wie viele Denkgebäude ich eigentlich kenne. Ich leg ein Denkgebäude drüber, guck: was würde das zu meinen Symptomen sagen, was ist seine Erklärung, wo ist seine Grenze. Dann das nächste. Reinkarnationssicht. Karma. Positives Denken. Jedes hat seine eigene Schablone, die ich drüberleg.
Und die Schablonen widersprechen sich, ehrlich.
Anthony William sagt: Du bist nicht schuld. Die Dahlke-Linie sagt: Dein Denken hat’s gemacht.
Anthony William sagt das immer wieder, in fast jedem Buch: Du bist nicht schuld, nicht Dein Denken hat das gemacht, nicht Du hast versagt. Das tut gut. Wirklich. Das entlastet. Andere Linien, die Dahlke-Bücher zum Beispiel, sehen das anders – da hat Dein Denken durchaus dazu geführt, dass Du krank bist. Beides gleichzeitig kann nicht stimmen. Also, was mach ich damit? Ich entscheide, was ich mir zugrunde leg. Und zurzeit leg ich mir das Nicht-Schuld-Sein zugrunde. Weil’s mir guttut. Und weil’s genauso plausibel ist wie das Gegenteil.
Jedes Denkgebäude gibt mir auch Impulse. Kleine Aha-Momente, neue Blickwinkel, wenn ich meine Symptome durch seine Brille anschau. Aber keins davon, kein einziges, hat dazu geführt, dass ich jetzt wieder rumspring wie’n junges Reh.
Genau das ist der Punkt. Ob ein Denkgebäude meine Symptome erklärt oder nicht, sagt nichts darüber aus, wie viel Wert es hat, sich damit auseinanderzusetzen. Und schon gar nicht darf jemand von außen urteilen, ohne zu wissen, was ich mir selbst dazu denke, was ich zugrunde lege.
Ich bin nicht die Einzige, bei der es so ist
Ich kenne Frauen, die seit Jahren in ihren eigenen Prozessen drin sind. Ernsthaft, tief, mit ganz unterschiedlichen Techniken – auch mit Aufstellung. Und ich kenne zwei Kundinnen, die trotz jahrelanger innerer Arbeit Brustkrebs entwickelt haben. Ich kenne Menschen, die wirklich viel spirituelle Arbeit geleistet haben – und trotzdem gestorben sind.
Ich zweifle keine Sekunde daran, dass man trotz großer innerer Arbeit sterben kann. Nicht weil die Arbeit nichts gebracht hätte – bei manchen von denen sieht man richtig, was sie bewegt haben. Sondern weil da noch andere Kräfte wirken. Ein ganz anderes Gebiet, ehrlich gesagt. Aber auch damit beschäftige ich mich. Es gibt so viele Denkgebäude dazu, und ich find’s wichtig, sie zu kennen – nicht um mich für das einzig Wahre zu entscheiden, sondern um zu schauen, in welches ich mich begeben möchte.
Es gibt zum Beispiel die Sichtweise, dass alles, was ich in diesem Leben an innerer Arbeit gemacht hab, im nächsten Leben weiterwirkt. Aktiv, nicht verloren. Wenn ich hier genügend bereinigt hab, dann hab ich dort ein bereinigteres, neues Leben. Und ganz abgesehen davon gibt es die Linien, die sagen: Es gibt gar keine Reinkarnation. Auch das kann ich nicht auflösen. Beide Sichtweisen existieren, beide haben ihre Vertreter, und ich leg mich nicht fest.
Sag ich das gern? Nein. Mag ich das hören? Auch nicht. Aber es ist so.
Und da ist dieses Bild, das viele im Kopf haben: Spirituelle Menschen sehen gut aus, sind dynamisch, haben alles im Griff. Woher kommt das eigentlich? Aus der Szene selbst, glaub ich. Aus dieser leisen Erwartung, dass wer genug meditiert, genug aufgestellt, genug reflektiert hat, auch äußerlich das Ergebnis zeigen muss. Gesundheit als Beweis der Reife.
Ist aber nicht so. Symptome sagen nichts über spirituelle Reife aus. Gar nichts. Und es ist auch keine Schuld. Wenn Dein Körper sich zeigt, wie er sich zeigt, obwohl Du seit Jahren dran arbeitest – das ist nicht Dein Versagen. Manchmal spielen auch familiäre Prägungen mit rein, ein ganz eigenes Thema für sich. Aber selbst dann ist es keine Schuld. Das ist einfach so.
Warum ein Urteil von außen so oft daneben liegt
Die Besserwisser meinen es oft nicht mal böse. Sie kennen einfach nur ihr eigenes Denkgebäude und gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass es für alle gilt. Wer meint, ich hätte noch was tun müssen, oder das Falsche getan, der weiß gar nicht, welches System ich mir selbst zugrunde gelegt hab. Und urteilt trotzdem.
Das wär’s eigentlich: Fragen, wie’s geht. Nicht urteilen.
Du machst Dir so viel Mühe, mit so vielen Techniken, jahrelang – und Dein Körper zeigt sich trotzdem so, wie er sich zeigt. Das verdient Mitgefühl. Nicht Bewertung.
Und dann ist da noch die Scham. Jede geht anders damit um, wenn das Ergebnis nicht das ist, was sie sich gewünscht hätte. Auch das gehört dazu. Auch das darf sein.
Wir leben in einer schwierigen Zeit. Du hast schon viel gemacht. Mach weiter. Schau, was Dein Weg ist, und was Dir auf ihm begegnet.
Denn kurz über lang – alle Wege enden im Tod. Alle. Egal, wie viel wir vorher getan haben.
Häufige Fragen
Das kann ich Dir nicht sagen – ich weiß es selbst nicht. Jedes Denkgebäude behauptet etwas anderes, und jedes tut das ziemlich bestimmt. Was ich sicher weiß: Niemand von außen darf urteilen, ohne zu wissen, welches Denkgebäude ich überhaupt zugrunde lege.
Weil eine Erklärung, wie ein Symptom entsteht, noch keine Heilung ist – auch wenn ich ein Denkgebäude gut kenne und verstehe, sagt das nichts darüber aus, ob mein Körper dadurch gesund wird.
Nein. Das ist ein Bild, das in der Szene rumschwirrt, aber nicht stimmt.
Sie widersprechen sich teils direkt – Anthony William entlastet („Du bist nicht schuld“), die Dahlke-Linie sieht das Denken als Ursache. Ich hab mich für keins von beiden endgültig entschieden.
Symptome sind das, was Du tatsächlich spürst – einzelne Beschwerden, roh und unbewertet. „Krankheit“ ist schon ein Begriff, ein Name, der mehrere Symptome zusammenfasst und in ein Denkgebäude einordnet. Deshalb bleibe ich lieber bei Symptomen, statt mich auf eine Diagnose-Kategorie festzulegen.