Kaum Kontakt zu den Enkeln: Warum mir lange keiner geglaubt hat, dass Oma sein auch furchtbar wehtun kann

Ich dachte lange, es liegt an mir, dass ich kaum Kontakt zu meinen Enkeln habe. Bis ich gemerkt habe: Ich bin nicht die Einzige. Hier erzähle ich meine Geschichte – und was mir seitdem hilft.
Blaues Mandala mit konzentrischen Ringen und gezacktem Rand auf türkisfarbenem Hintergrund

Oma sein ist das Größte. Das hört man dauernd. Manche machen sogar Druck auf ihre Kinder: Ich will auch bald Oma werden.

Aber was, wenn Du als Oma kaum Kontakt zu den Enkeln hast? Bei mir ist das anders gelaufen. Und ich glaube, ich bin damit nicht allein.

Kaum Kontakt zu den Enkeln zu haben – sie nur unter Aufsicht und zu vorgegebenen Zeiten kurz zu sehen, manchmal auch gar keinen – heißt nicht, dass Du als Oma etwas falsch gemacht hast. Oft steckt mehr System dahinter, als man im ersten Moment denkt.

Bevor ich Oma wurde

Bevor ich Oma wurde, war ich selbst Mama und ich hatte klare Vorstellungen. Ich wusste, was mein Kind essen soll, darf und was ich ihn machen lasse und was er nicht tun darf. Ich habe ihn mit viel Freiraum erzogen und in bestimmten Momenten sehr dicht an mich geholt, um Dinge zu klären.

Damals gab es auch Omas und Opas. Meine Eltern: Ich wusste, wie sie ticken, und war überzeugt, die machen es wunderbar. Von Trauma wusste ich damals noch nicht so viel wie heute.

Der Vater meines Kindes hat sich in der Schwangerschaft verkrümelt. Seine Eltern waren „nett“, aber ich konnte sie nicht recht einschätzen. Was machen sie mit meinem Kind? Wie gehen sie mit ihm um?

Das Argument, dass sie vier Kinder geboren und aufgezogen hatten, habe ich abgewertet, weil an einer Stelle etwas mit dem Vater meines Kindes schiefgelaufen ist. Damals machte ich seine Eltern dafür verantwortlich. Das führte dazu, dass ich meinen Sohn nicht zu den Großeltern ließ, sondern mein Sohn immer mit meiner Mutter dorthin ging. Den Kontakt verbieten wollte ich nicht. Mein Sohn sollte die Großeltern kennen.

Als ich sehr früh einen neuen Partner hatte, waren dessen Eltern von der Position her eher wie meine Eltern. Ich hatte Vertrauen und überließ ihnen ihren eigenen Kontakt. Mein Sohn hat dort eine religiöse „Bildung“ erhalten. Das sehe ich heute kritischer. Aber darum geht es gar nicht.

Zwei Omas

Ich wurde selbst Oma.

Als mein Sohn geheiratet hat, merkte ich, dass irgendetwas komisch ist. Ich traf auf eine fremde Familie. Die sind sehr nett, besonders, keine Frage. Aber mir war klar: Sollten Enkel kommen, lieben diese Fremden die Kinder genauso wie ich. Hui. Auf einmal war klar: Kontakt zu den Enkeln würde ich mir teilen müssen.

Fremde lieben das Gleiche, und ich bin dann auch Oma.

Der erste Enkel ließ auch nicht lange auf sich warten. Und deutlich spürbar war von der Schwangerschaft an, dass die Schwiegertochter – sehr verständlich – alles mit ihrer Mutter besprochen hat. Dass ich die „Fachkompetentere“ war, spielte keine Rolle.

Auch aus dem Krankenhaus erfuhr die Mutter alles sofort, während ich Tage später dran war. Durch Nachdenken kam ich darauf, dass das „normal“ ist. Meine Mutter war mir damals auch näher als die Mutter des Vaters meines Kindes.

Ja, ich darf lieben. Mehr aber auch nicht.

Dann ging es los. Ich spürte die Liebe zu dem Enkel. Unfassbar. Sie hat mich so getroffen. Es war ein stärkeres und reineres Gefühl als zu meinem Sohn. Ich bin fast nicht damit klargekommen.

Gleichzeitig hatte ich so gut wie nichts zu sagen und musste das Kind – verständlicherweise – zu bestimmten Zeiten wieder abliefern. Was dazwischen geschah, wurde genau abgefragt. Auch das verstehe ich, ich habe ja auch alle Vorschriften gemacht, was mein Kind essen darf und was nicht.

Also war da jetzt etwas Neues: Ein unglaublich starkes Gefühl und nichts zu sagen, nichts zu entscheiden. Eine letztlich völlig machtlose Position.

Ja, ich darf lieben. Mehr aber auch nicht.

Und dann kamen noch zwei Enkel dazu

Es kamen noch zwei Enkel. Ich mag das nicht näher beschreiben, denn da ist so viel Schmerz drin und letztlich kenne ich meine Enkel kaum mehr. Aber darf man das sagen? Ist es nicht besonders, Enkel zu haben?

Als Kommunikationsberaterin muss ich doch super reden können. Ich habe immer gedacht, dass ich ein verträglicher Mensch bin, dass man vieles mit mir klären kann. Klar, ich bin nicht allein, mein Partner spielt eine Rolle, mein Sohn spielt eine Rolle.

Aber letztlich war ich sehr unglücklich und fragte mich, was ich falsch gemacht habe.

Ich wartete, ob die Kinder von alleine kommen. Also ich weiß weder, ob und was ich falsch gemacht habe, noch sind die Kinder je von alleine gekommen.

Meine Eltern haben mehr Kontakt als ich. Wobei ich sagen muss, dass meine Mutter, wenn sie etwas will, grenzüberschreitend sein kann. Das wollte ich nie. Ich habe Grenzen respektiert, mit dem Ergebnis: so gut wie kein Kontakt.

Bin ich die einzige Oma mit kaum Kontakt zu den Enkeln?

Nein, ich bin nicht die Einzige. Lange habe ich das Ganze nur auf mich persönlich bezogen. Bis ich eher durch Zufall andere Geschichten gehört habe. Heute sehe ich es größer. Trotzdem tut es weh.

Die erste war von einer Mutter, die keinen Kontakt zu ihrer Tochter mehr hat. Dann kamen noch Eltern: kein Kontakt seit zehn Jahren zur eigenen Tochter. Huch, dachte ich. Das ist ja noch krasser.

Ich habe die Geschichten im Vertrauen erfahren. Wie dann heimlich, still und leise auch noch Oma-Sein-Konflikte von anderen dazu kamen. Ich habe gemerkt: Dieser Schwiegermama-Konflikt ist kein Einzelfall.

Allein in meinem Umfeld kenne ich fünf Omas, die unglücklich sind über den Kontakt zu den Kindern bzw. Enkeln. Häufig ist es wie bei mir die Schwiegertochter, aber auch die eigene Tochter will nicht, dass die Mutter Kontakt zum Enkel hat.

Oft ist so etwas wie Konkurrenz mit der anderen Oma da, die bevorzugt wird – warum auch immer. Auch wenn der Weg zur anderen Oma viel weiter ist und die Oma quasi in der nächsten Straße wohnt.

Ich habe die Geschichten unter der Hand erzählt bekommen. Es steckt so viel Scham drin. Da ich die Omas kenne, kann ich sagen: Es sind nette, auch kraftvolle, erfolgreiche Frauen und keine völlig „danebenstehenden“ Besserwisser. Klar, schon mit Meinung, aber auch gesprächsbereit.

Ich bin auf andere Omas gestoßen, die zu oft die Kinder hüten „müssen“, die gerne ihr eigenes Leben mehr hätten, aber auch auf Frauen, die fürchten, wie ihr Leben aussieht, wenn sie bei der Schwiegertochter Oma werden.

Und ja, jetzt bin ich auf die eine Frau getroffen, die einen Onlinekongress zur Schwiegertochter macht. Sofort habe ich mich gemeldet, um meine Sicht als Kommunikationsberaterin und Betroffene dazu zu geben.

Woran liegt das eigentlich?

Auf was bin ich gekommen?

Einmal leben wir in einer sehr individuellen Kultur. Der Einzelne, auch das einzelne Kind, hat große Bedeutung und wird auch viel strenger beobachtet, kontrolliert, überwacht. Die Freiräume sind sehr gering.

Einfach raus und draußen spielen, bis es dunkel wird, war früher. Die Kita ruft sehr früh, die Eltern sind häufig früh wieder am Arbeiten, gehen in verschiedene Richtungen und sammeln abends ihre Kinder wieder ein.

Da wollen sie auch Familienzeit – gibt es die doch unter tags wenig. Das Wochenende ist wichtig. Familie ist zusammen, hat Zeit für sich. Soll da auch noch eine Oma Platz haben?

Und wird kulturell die Bedeutung der Älteren noch gesehen? Oder hat man kulturell nicht eher den „Alten“, eingestaubten im Blick? Jemand aus einer anderen Zeit? Jemand, der von früher erzählt, der andere Regeln und Normen hat?

Hat man noch Respekt vor der Lebenserfahrung des anderen? Kann man das zulassen, was Oma und Opa für richtig erachten und mit dem Kind machen wollen?

Welche Religion, welche Regeln will man in seine Kleinfamilie reinlassen?

Die persönliche Betroffenheit tut furchtbar weh, und ich möchte alle aufmerksam machen, dass es sein kann, dass sie wunderbar als Großeltern leben können. Aber dass es auch ganz anders sein kann – ohne ihr Zutun.

Was ich mir wünsche

Jetzt frage ich mich immer wieder: Gibt es eine Chance, das gesellschaftlich zu heilen? Was bräuchte es anders, wo könnte man ansetzen?

Ich denke sogar, dass wir ein neues gesellschaftliches Leben bräuchten. Wie das gehen soll, weiß ich nicht, aber meine Vision sieht so aus:

  • Die Familien – erstmal die Kernfamilien – leben zusammen, auch tagsüber, können ausschlafen und den Tag gemeinsam verbringen.
  • Von da aus gibt es Kontakt zum Dorf, zu den Menschen drumherum.
  • Die Kinder können sich das suchen, was sie brauchen, um das zu lernen, was sie lernen wollen.
  • Mütter sind geschützt, sicher und versorgt, es gibt nicht so viele Alleinerziehende, die alles allein tragen müssen – sondern eine Gemeinschaft, die auf die Freiheiten und Wünsche der Kinder achtet.

Bis dahin müssen wir mit dem leben, was ist, und was jeder einzelne von uns antrifft.

Und da wäre es mir ein Anliegen, dass die Oma-Schaft nicht verherrlicht und idealisiert wird und dass nicht automatisch die Schwiegermutter „doof“ ist, wenn etwas nicht so klappt.

Kann sich der Kontakt zu den Enkeln wieder verbessern?

Ja, das kann passieren. Nicht immer, aber es passiert. Ich habe vor Kurzem eine Oma begleitet, die große Schwierigkeiten mit ihrem Sohn hatte. Wir haben eine Aufstellung gemacht. Zwei Wochen später rief sie an: Ihr Sohn hatte sich bei ihr entschuldigt, für vieles, was zwischen ihnen gelaufen war. Seitdem ist es anders zwischen ihnen.

Es gibt also individuelle Chancen. Nicht bei jedem, nicht immer. Aber es gibt sie.

Man kann es auch kommunikativ angehen: einfach mal genau hinschauen, was bislang zwischen einem gelaufen ist. Nicht nur, was der andere falsch gemacht hat, sondern auch, welchen Anteil man selbst hatte. Manchmal findet man dadurch einen Weg zurück. Und wenn nicht ganz, dann wird das Thema wenigstens ruhiger in einem selbst.

Manchmal hilft es auch, der anderen Seite zu erzählen, wie sich etwas aus der eigenen Kindheit heraus für einen selbst angefühlt hat – nicht als Vorwurf, sondern als Einladung, das eigene Verhalten zu spiegeln. Heimlich über die Schwiegertochter zu schimpfen, vor anderen, bringt dagegen nichts. Das ändert nichts, es macht nur einsamer.

Wenn Du selbst spürst, dass Du da nicht alleine durchfindest: Eine Aufstellung/Selbstbegegnung kann genau an der Stelle ansetzen, an der Worte allein nicht mehr weiterhelfen.

Warum bekommen manche Omas kaum oder keinen Kontakt zu ihren Enkeln?

Ganz kompletter Kontaktabbruch ist eher selten – häufiger ist, dass Omas ihre Enkel nur zu bestimmten Zeiten oder unter Aufsicht kurz sehen dürfen. Beides hat oft weniger mit persönlichem Versagen zu tun als mit Prioritäten: junge Familien haben wenig Zeit, die eigene Mutter steht meist näher als die Schwiegermutter, und unsere Kultur trennt Familien stark voneinander.

Bin ich schuld, wenn meine Schwiegertochter mir die Enkel nicht zeigt?

Nicht zwangsläufig. Ich habe lange gedacht, es liegt an mir – bis ich gemerkt habe, wie viele andere Omas Ähnliches erleben, ohne dass sie etwas falsch gemacht haben.

Kann sich der Kontakt zu den Enkeln wieder verbessern?

Ja, das gibt es – individuelle Chancen sind real. Ich habe erlebt, wie eine Aufstellung oder ein ehrliches, kommunikatives Gespräch etwas verändert hat, das vorher festgefahren war.

Was kann ich als betroffene Oma konkret tun?

Zuerst: Dich um Dich selbst kümmern, unabhängig von Sohn und Schwiegertochter. Dann schauen, was in der Kommunikation bisher gelaufen ist – auch der eigene Anteil.

Bin ich die einzige Oma, die das erlebt?

Nein. Viele Frauen erleben genau das, nur wird selten offen darüber gesprochen – es steckt viel Scham drin.

Wenn Du das gerade auch erlebst: Du bist nicht die Einzige. Ich habe lange gedacht, es liegt an mir. Es waren fünf Omas, bis ich gemerkt habe: Das Thema hat System, nicht nur mich.

Ich habe aufgeschrieben, was mir seitdem hilft, aus dem Grübeln rauszukommen – nicht, weil sich dadurch die Familie ändert, das kann ich Dir nicht versprechen. Sondern weil Du Dich selbst nicht mehr im Kreis drehen musst.

Blaues Mandala mit konzentrischen Ringen und gezacktem Rand auf türkisfarbenem Hintergrund

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Andrea Sam, Coach und Beraterin, vor Felsen in der Natur

Ich bin Andrea Sam — Coach, Beraterin und Seminarleiterin mit jahrzehntelanger Erfahrung in Kommunikation, Konfliktmanagement und persönlicher Entwicklung. Ich begleite Menschen, die Klarheit suchen — im Gespräch, in schwierigen Situationen und in sich selbst. Mein Ansatz ist ganzheitlich, nah am Menschen und nah an der Wirklichkeit.

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