Das kann ich richtig gut – und hab’s lange nicht gewusst: Zuhören

Mandala in rosa und grau

Anja Dix hat zur Blogparade „Das kann ich richtig gut – und hab’s lange nicht gewusst“ aufgerufen, und das hier ist mein Beitrag dazu. Vielen Dank, liebe Anja, für den Impuls. Ich wusste sofort, bei mir ist es: Zuhören. Nicht weil ich was Besonderes an den Ohren hab – Ohren hab ich wie jeder andere auch. Aber zuhören, wirklich zuhören, das ist selten. Und bei mir wurde daraus im Laufe des Lebens eine echte Technik – zuerst aus Angst, später vielfach präzisiert durch innere Haltung und Ausbildungen.

Als Kind schon Angst gelernt

Schon als Kind war ich gut im Zuhören. Aber ehrlich, die Wahrheit dahinter ist nicht so doll. Ich hab schmerzlich gelernt: Wer nicht macht, was ihm gesagt wird, wird geschimpft. Also hab ich irgendwann zugehört. Ganz genau. Geschimpft werden tut weh.

Mein Bruder war da anders. Der ging seine eigenen Wege. Ob die Eltern das wollten oder nicht – ihm war’s egal. Ich hab ihn nie verstanden. Wie kann man einfach nicht zuhören?

Naja. Heute weiß ich: Angst vor dem Schimpfen war mein Einstieg ins Zuhören.

Aus dieser Zeit stammt aber noch etwas anderes.

Die Fahrt zur Tante

Als Kind hab ich mir alles bildhaft vorgestellt. Wie muss ich fahren, dass ich zur Tante komme? Ich sah uns im Auto sitzen, die bekannte Strecke fahren, jede Kurve, jede Abbiegung.

Daraus wurde mit der Zeit ein starkes visuelles Vorstellungsvermögen. Dauert länger, so ein Bild im Kopf zu bauen. Aber dafür bleibt es. Dauerhaft.

So fing ich dann auch an zu lernen: mir alles vorzustellen! Was ich bildhaft vor mir sah, blieb erhalten. Gab es kein Bild, hatte ich kein Wissen über das Thema. Auswendig lernen war nie mein Ding.

Und dann saß ich in der Fortbildung

Transaktionsanalyse-Fortbildung. Ich saß da, hörte zu und staunte, was der Ausbilder alles konnte. Wo ich dachte, es sei alles gesagt, stellte er Fragen. Hui, war das spannend. Plötzlich erfuhr ich so viel mehr und auch ganz anderes, als ich erwartet habe.

Dann lernte ich es selbst: Zuerst stellte ich mir meinen Ausbilder vor, wie er mir souffliert, und mit der Zeit konnte ich selbst die Fragen stellen. Es ging um die klassischen W-Fragen. Wer, was, wie, wann. Klingt simpel. Als ich die Technik drauf hatte, erfuhr ich so viel mehr.

Jeder lebt in seiner eigenen Welt

Dann kam die NLP-Ausbildung. Und da wurde mir extrem deutlich: Jeder von uns lebt in seiner eigenen Welt. Wir ersetzen automatisch, was der andere sagt, mit unserem Eigenen. Nicht mit dem, was tatsächlich gemeint war.

Das Wissen plus mein bildhaftes Vorstellen – daraus wurde meine Technik. Ich mache mir beim Zuhören ein Bild vom Erzählten. Eine Art Video. Und wenn was unklar ist, frag ich nach. So lange, bis das Bild stimmt.

Nein, ich geh nicht davon aus, dass das, was ich aufnehme, immer stimmt. Auch ich hör falsch. Auch ich interpretiere. Der Unterschied: Ich bau jede Reaktion, jede Korrektur des anderen sofort ein. Und der Film läuft weiter. Korrigiert.

Worum geht’s eigentlich – um mich oder um Dich?

Mir wurde erst spät klar, dass echtes Zuhören eine besondere, trainierbare Fähigkeit ist – und dass die wenigsten sie bewusst üben. Es braucht viel Konzentration. Und es braucht, dass ich mein eigenes Ich in dem Moment zurücknehme. Ich bin dann nur Spiegel für das, was der andere erlebt. Wenn ich Gesprächen zuhöre, merke ich oft, wie schnell wir alle dazu neigen, nicht wirklich hinzuhören und das Thema stattdessen zu uns selbst zu ziehen.

Was ich NICHT mache

Vielleicht wird es klarer, wenn ich beschreibe, was ich NICHT mache. Viele hören zu – aber mittendrin, während der andere noch spricht, fangen sie an, sich eigene Gedanken zu machen. Formulieren die im Kopf schon vor. Und fangen an, sie auszusprechen.

Statt wirklich zuzuhören. Statt zu schauen: Was will der andere eigentlich mit diesem Gespräch? Einen Tipp? Gehört werden? Nur was loswerden? Einen echten Rat – oder einfach nur Mitgefühl? Warum erzählt mir die Person das gerade jetzt?

All das sind Fragen, die sich die wenigsten stellen.

Zuhören als Seminarleiterin

Für mich als Seminarleiterin war das ein riesen Tool. Konnte ich doch sofort sortieren, was zu welchem Teilnehmer gehörte. Ebenso war es mir möglich, die Unterschiede zwischen den Teilnehmern aufzuzeigen. Dadurch entstand großer Respekt voreinander und das Gefühl, so gesehen zu werden, wie man ist. Es hat sich gezeigt, dass ich das auch sprachlich sehr präzise anwenden musste. Frank, für Dich ist das so und so, was ist jetzt Deine Frage? Und, Lisa, bei Dir ist es anders, Du machst es so und brauchst Dir also keine Sorgen zu machen, weil Du es schon super machst.

Zuhören als Coach und Beraterin

Auch als Coach und Beraterin blieb das meine große Kraft – eine echte Erfahrungsquelle. Sie erlaubt mir, tief in die Welt des anderen einzutauchen. Und dann – wenn gefragt – Antworten aus genau dieser Welt zu geben. Nicht aus meiner. Für die meisten ist es sehr wertvoll zu hören, was für Erfolgsmuster sie in ihrem Leben haben. Und ich habe sie durchs Zuhören herausgefunden.

Immer wieder passiert es in den Gesprächen, dass der Kunde etwas ganz anders erzählt, als ich erwartete. Das sind für mich Gold-Momente. Ich lerne, wie Menschen unterschiedlich reagieren können. Das empfinde ich als extrem bereichernd, da ich dadurch auch andere Menschen viel besser verstehen lerne. Wir sind so vielfältige Wesen, und jeden von uns treibt etwas anderes um. Und ich lerne auf diese Weise, Handlungen von anderen Menschen zu verstehen.

Nicht nur einmal musste ich mein Bild von Menschen oder von ihrem Tun korrigieren. Und genau darum ging es auch bei Anja Dix‘ Blogparade, die diesen Beitrag hier ausgelöst hat: Dinge an sich selbst zu entdecken, die man lange nicht gesehen hat.

Zuhören zeigt mir das immer wieder – Dinge aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, Perspektiven, die ich vorher nicht erwartet hätte. Und genau darum geht’s auch in meiner eigenen Blogparade: Kennst Du diesen Moment, wo Du Dir sicher warst – und dann plötzlich alles ganz anders gesehen hast? Schreib Deine Erfahrung dazu in Und plötzlich sah ich es ganz anders – ich freu mich drauf.

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Andrea vor Felsen

Ich bin Andrea Sam — Coach, Beraterin und Seminarleiterin mit jahrzehntelanger Erfahrung in Kommunikation, Konfliktmanagement und persönlicher Entwicklung. Ich begleite Menschen, die Klarheit suchen — im Gespräch, in schwierigen Situationen und in sich selbst. Mein Ansatz ist ganzheitlich, nah am Menschen und nah an der Wirklichkeit.

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