Immer wieder gab es in meinem Leben Schlüsselsituationen, die bewirkten, dass ich auf eine mir scheinbar sicher bekannte Situation plötzlich einen ganz neuen Blick erhielt. Nicht weil der erste Blick falsch war, sondern weil mit der Zeit mehr sichtbar wurde. In diesem Artikel erzähle ich mehrere solcher Momente – manche ganz privat, manche aus meiner Arbeit mit Menschen. Er ist mein eigener Beitrag zur Blogparade „Und plötzlich sah ich es ganz anders“, zu der ich selbst aufgerufen habe.
Susanne und der Bleistift
Am längsten zurück liegt sicher das Beispiel von „Susanne“. Ich war ca. 13 Jahre alt, und in meiner Jugendgruppe gab es ein Mädchen, das ich als unglaublich hübsch empfand. Ich bewunderte ihr dunkles, langes, glattes Haar, ihre Augen und ihre Figur. Alle fanden sie toll. In der Zeit meiner Bewunderung kam es dazu, dass ich sie als Wichtelpartnerin gezogen hatte. Ich weiß heute noch, ich bekam einen großen, dicken Bleistift und einen Spitzer dazu. Den Bleistift habe ich immer noch.
Als ich das Geschenk erhielt, war ich überrascht – nicht vom Inhalt, sondern davon, wie schlampig es eingepackt war. Ich konnte nicht fassen, wie man so ein Geschenk einpacken kann. Heute weiß ich, dass ich wohl einfach geübter war, aber damals war ich erschrocken. Ich fand es ganz schlimm – und irgendwie hat mich das zum Nachdenken gebracht.
Wenn ich wie sie sein wollte, müsste ich alles übernehmen: nicht nur ihre Haare, ihre Figur, sondern auch ihre Art, Geschenke einzupacken. Ihre Eltern. Ihre Geschwister. Ihren Wohnort. Ihr ganzes Leben, so wie es war – mit allem, was dazugehört, nicht nur mit dem, was mir gefiel.
Das war kein langer Gedankengang. Es war eher, als würde ich mich an etwas erinnern, das ich eigentlich schon immer gewusst hatte, nur gerade vergessen: Man kann sich nicht ein einzelnes Stück von einem Menschen aussuchen. Jeder Mensch ist ein Gesamtpaket – so wie ich selbst auch eines bin, mit allem, was dazugehört.
Und irgendwie wurde mir innerhalb kurzer Zeit klar: Ich will nicht so Geschenke einpacken. Ich will da auch nicht wohnen. Susannes Packkünsten sei Dank – nie mehr wollte ich mit irgendjemandem das Leben tauschen. Und damit war auch etwas anderes für immer erledigt: Neid. Für mich ist das seitdem ganz logisch – man kann sich nicht nur ein Stück von jemandem wünschen. Und doch sehe ich es bei anderen immer wieder: Sie wollen genau das. Nur die Schönheit, nur den Erfolg, nur das Geld – nicht das ganze Paket, das dazugehört.
Das Trump-Video
So gab es im Laufe meines Lebens immer wieder Situationen, die ich plötzlich ganz anders betrachtete – nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch bei Menschen, die ich nie persönlich getroffen habe. Vor einigen Jahren hatte ich ein klares Bild von Donald Trump. Er war mir völlig unsympathisch, und ich denke, ich hatte das gesamte Pressebild übernommen, wie er dort dargestellt wurde.
Beim Scrollen durchs Netz sah ich irgendwann plötzlich ein Video. Das faszinierte mich so, dass ich es mehrfach immer wieder angesehen habe. Der bisherige Trump war für mich ein strenger Mann, der alle rumkommandierte und sehr despotisch war. Dieses Video zeigte etwas völlig anderes: Trump lief eilig, traf dann auf jemanden, der deutlich ein normaler Fußgänger war. Er stoppte seinen Lauf, lächelte den Mann an und begrüßte ihn freundlich. Sie sprachen miteinander. Diese weichen, lächelnden Gesichtszüge, diese Eloquenz hatte ich bis dahin nie gesehen. Ich war völlig baff.
Seitdem sage ich, wenn ich gefragt werde, was ich über Trump denke: Keine Ahnung, ich habe ihn noch nie getroffen, nie berührt, nie mit ihm gesprochen. Ich sehe nur Fotos, Videos, und was andere über ihn sagen – und die Ausschnitte, die er sagt, die aber geschnitten sind. Das heißt jetzt nicht, dass ich ein Trump-Fan bin. Aber mir wurde klar: Was ich für mein Bild von ihm gehalten hatte, war gar nicht „er“ – es war nur das, was andere mir von ihm gezeigt hatten, zusammengesetzt zu einem Bild, das ich für die Realität hielt. Doch was ist die Realität?
Die Erleichterung im Seminar
Nicht jeder Perspektivwechsel kommt über ein Video oder über Jahre des Nachdenkens. Manchmal reicht ein einziges Gespräch, wenn ich genau auf die Reaktion eines Menschen achte. So erinnere ich mich an einen Teilnehmer in einem Seminar. Er erzählte, dass seine Eltern beide verunglückt sind. Die Art und Weise, wie er es sagte, ließ mich vorsichtig sein. Normalerweise finde ich es schlimm, wenn es so einen Doppelunfall gibt. Aber etwas in der Situation ließ mich vorsichtig sein – und dann später auch genau nachfragen, nämlich ob es für ihn erleichternd gewesen sei. Etwas, das ich mich vorher nie getraut hätte zu denken.
Tatsächlich aber nickte er. Es hatte zuvor krasse Streitereien zwischen seiner Frau, ihm und den Eltern gegeben. Dadurch, dass die Eltern tot waren, war dieser Teil endgültig zu Ende, und er konnte so gut weiterleben.
Was die Aufstellungsarbeit zeigt
Was ich hier im Gespräch erlebt habe, begegnet mir in meiner Aufstellungsarbeit noch viel öfter. Auch in meinen Aufstellungen in der Selbstbegegnung kommt es häufig vor, dass wir einen anderen Blick auf die Geschichte bekommen, als sie uns bislang erzählt worden ist. Das kann teilweise sehr erleichternd sein. Nie habe ich erlebt, dass es belastender wurde – sondern eher, dass Staunen da war. Vier Beispiele davon möchte ich hier teilen.
Ein glücklicher Tod
So leitete ich vor kurzem eine Aufstellung, die mich noch immer beschäftigt. Es tauchte ein Onkel auf, der als Kind ertrunken war. In der Familie war das ein großes Drama gewesen – Schwimmen war jahrzehntelang ein Problem, die Angst vor dem Wasser riesig. Die nachfolgenden Generationen wurden vom Fluss ferngehalten.
In der Aufstellung erzählte der Onkel sein eigenes Erleben. Er war glücklich gewesen – völlig. Er und ein Freund hatten Luft-Anhalte-Übungen gemacht, weil man dabei so schöne Dinge im Wasser erlebt: das Funkeln des Lichts unter der Oberfläche. Betörend. Er war ganz im Glück und hat die Atemlosigkeit nicht bemerkt. Dass er nicht auftauchen konnte, hat er nicht bemerkt. Er ist glücklich gestorben.
Ganz im Gegensatz dazu, wie es für die Familie war. Der Nachbarsjunge, der dabei war, hat nie gesprochen – vielleicht aus Scham, vielleicht weil er nicht verraten wollte, was die beiden ausprobiert hatten. Was er nicht sagte, wurde zu dem, was die Familie sich vorstellte. Und das Vorgestellte wurde weitergegeben, Generation für Generation. Nicht das, was wirklich war – sondern das, was niemand ausgesprochen hat. In der Familienerzählung spielte die Schiffsschraube die Hauptrolle. Oberste Panik, jahrzehntelang.
Was die Aufstellung zeigte, war ein glückliches Kind beim Apnoetauchen. Zwei völlig verschiedene Geschichten über denselben Tod – und die eine, die der Familie, hat Generationen geprägt. Nicht, weil sie wahr war. Sondern weil niemand die andere kannte.
Eine verkannte Liebe
Auch bei einer anderen Aufstellung ging es um eine Geschichte, die ganz anders erzählt wurde, als sie wirklich war. In dieser Familie gab es mehrere uneheliche Kinder, und es zeigte sich ein Muster: Ein uneheliches Kind zu bekommen, war mit großer Scham besetzt – und es wiederholte sich, wer am Ende wessen Kind aufzog. Erzählt wurde: Die Großmutter hatte sich mit einem verheirateten Mann eingelassen, wurde schwanger, und ihre Eltern und ihre Schwester zogen das Kind groß. Dieses Kind selbst trug sein Leben lang eine tiefe Scham mit sich – über die eigene Herkunft, über das, was die Mutter „getan“ hatte.
Über mehrere Aufstellungen hinweg – wie beim Schälen einer Zwiebel, Schicht für Schicht – zeigte sich am Ende ein ganz anderes Bild: Die junge Mutter war mit 22 völlig in Liebe gefallen, zu einem kirchlichen Würdenträger. Die Liebe war groß, rein, unschuldig. Das Erwachen kam erst, als die Schwangerschaft klar wurde – und mit ihr brach das ganze gesellschaftliche Urteil über die beiden herein. Der Würdenträger wurde versetzt, ein anderer Mann, der selbst keine Kinder bekommen konnte, als Vater eingesetzt, die junge Mutter isoliert und in die Stadt geschickt. Später wurde nur noch erzählt, der andere Mann sei der Vater – er vererbte dem Kind sogar seinen Besitz. Aber er war die ganze Zeit mit seiner eigenen Frau verheiratet.
Aus „eine junge Frau liebt Mann und bekommt Kind“ wurde so eine große, unmögliche Liebe, die zu der Zeit gesellschaftlich nicht sein durfte. Schnell wurde alles anders organisiert, anders erzählt. Und erst durch die Aufstellung kam die Wahrheit ans Licht.
Eine abgelehnte Ehe
Ein ähnliches Muster – eine Liebe, die nie gesehen wurde – zeigte sich auch in einer anderen Familie. Dort wurde immer erzählt, dass die Großmutter ein Leben voller Leid hatte: Der Großvater hatte wegen einer geplatzten Bürgschaft seine Finca verloren, und danach sei nichts mehr gut geworden. Sie selbst starb später auf dramatische Weise.
In der Aufstellung bestätigte sich diese Not so nicht. Es zeigte sich etwas anderes: Im Kern ging es um die Ablehnung ihrer Ehe. Die Großmutter war eine indigene Frau gewesen, die einen weißen Mann geheiratet hatte – und genau das wurde von der Familie nie wirklich akzeptiert. Dieser Bruch zog sich danach durch die ganze Familie weiter. Bis heute können viele in dieser Familie nicht miteinander. Es besteht die Chance, dass sich das ab jetzt ändert: In der Aufstellung entschuldigte sich die weiße Familie und erkannte die eigene Blindheit.
Eine unerwartete Entschuldigung
Manchmal zeigt sich die Wirkung einer Aufstellung nicht nur in einem neuen Bild, sondern auch ganz konkret im Leben danach. Eine Aufstellung machte ich für eine Mutter, deren Sohn den Kontakt abgebrochen hatte – er wirkte nur noch arrogant und unerreichbar. In der Aufstellung wurde deutlich: Der Konflikt war eigentlich ein Ahnenkonflikt, der weit über diese beiden hinausreichte. Wir richteten ihn aus.
Drei Wochen später meldete sich der Sohn – von sich aus, ohne von der Aufstellung zu wissen, mit einer ganz eigenen Erfahrung – und entschuldigte sich. Auch die Tochter der Familie, die vorher viel an ihrer Mutter herummeckerte, ist seitdem entspannter im Umgang mit ihr.
Was ich daraus mitnehme
So gibt es viele Beispiele, bei denen mir klar ist: Es gibt immer verschiedene Blickwinkel auf Situationen. Welche wahr ist, welche ich für wahr halte, liegt an mir. Die Wahrheit kann man oft nicht erkennen, weil einem bestimmte Blickwinkel fehlen.
Mir ist dabei über die Jahre etwas klargeworden, das größer ist als jedes einzelne Beispiel: Was wir für Realität halten, ist eigentlich nur unser Bild von Realität. Geprägt von dem, was wir glauben, wie wir aufgewachsen sind und wie es uns gerade geht.“
Manchmal reicht ein einziger Parameter – ein Video, ein Satz, eine einzelne Aufstellung – und das ganze Bild kippt. Nicht weil sich die Welt verändert hat, sondern weil wir plötzlich mehr von ihr sehen.
Ich habe gelernt: Ich will niemand anderes sein, und die erzählte Geschichte kann so – oder auch ganz anders – sein. Ich weiß es nicht. Ich muss also auch nie auf einem Recht beharren.
Manchmal staune ich, wie viele Menschen glauben, die Wahrheit zu kennen, oder sich sicher sind, dass ihr Blick stimmt. Ich bin mir da nicht mehr so sicher.
Gerade wenn ich höre, wie schnell über andere geurteilt wird – über ihr Verhalten, ihre Entscheidungen, ihr Versagen – frage ich mich: Wissen wir wirklich, was passiert ist? Oder sehen wir nur einen Ausschnitt und füllen den Rest mit unserer Vorstellung auf? Vielleicht würde uns allen mehr Frieden, und auch den Betroffenen mehr Mitgefühl, möglich sein, wenn wir öfter fragen würden, statt zu urteilen.
Vielleicht hast du auch so einen Moment erlebt – vielleicht einen ganz kleinen, vielleicht einen großen. Ich würde mich sehr freuen, ihn in der Blogparade „Und plötzlich sah ich es ganz anders“ zu lesen.