Ich bin ok, Du bist nicht ok – wenn Abwertung Beziehungen belastet

Mandala mit eingebautem Fehler

„Ich bin ok – Du bist ok“ in schwierigen Begegnungen zu leben,
ist eine große Herausforderung.

Sie braucht Aufmerksamkeit, Übung
und Ehrlichkeit mit sich selbst.

In diesem Artikel geht es darum,
wie wir Abwertung wahrnehmen, einordnen
und dabei innerlich klar bleiben können.

Manche Begegnungen hinterlassen ein ungutes Gefühl.

Man geht weg und denkt noch lange darüber nach.

Nicht wegen eines offenen Streits.
Sondern wegen kleiner Gesten, Blicke oder Bemerkungen.

Etwas stimmt nicht.
Und man weiß nicht genau, was.

Kommen wir zum Schwierigsten.
Zu der Grundhaltung, die kaum auszuhalten ist:

Ein anderer hat die Grundhaltung:

„Ich bin ok – Du bist nicht ok.“

Es ist die Haltung, die uns extrem herausfordert.
Und bei der es am schwierigsten ist, selbst ruhig und würdevoll zu bleiben.

Denn innerlich passiert sofort etwas.

Wenn jemand sich selbst für richtig hält – und Dich für falsch

Manche Menschen haben diese innere Gewissheit:
So wie ich bin, bin ich richtig.

Sie zweifeln nicht.
Sie prüfen sich nicht.
Sie stehen fest auf ihrem Standpunkt.

Und gleichzeitig wissen sie genau, wer nicht in Ordnung ist: Du.

Du bist zu empfindlich.
Zu langsam.
Zu laut.
Zu kompliziert.
Zu anders.

Irgendetwas ist falsch an Dir.

Wie sich Abwertung zeigt – oft leise, manchmal deutlich

Abwertung kommt selten frontal.

Meist ist sie fein verpackt:

Ein Blick von oben.
Ein kurzes Grinsen.
Ein Kopfschütteln.
Ein Seufzen.
Ein „Na ja…“.

Manchmal ist es nur ein Tonfall.
Manchmal ein Halbsatz.

Und trotzdem weißt Du sofort:

Hier werde ich gerade klein gemacht.
Hier bin ich nicht auf Augenhöhe – mehr zu diesen feinen Formen von Abwertung findest Du in meinem Artikel über übergriffige Kommunikation

Was innerlich passiert – und wie wir dann reagieren

Wenn Du Abwertung wahrnimmst, reagierst Du nicht automatisch gleich.

Das hängt stark davon ab, wie Du innerlich geprägt bist.

Es gibt drei typische Richtungen.

Nach innen kippen – sich selbst klein machen

Manche gehen sofort nach innen:

Habe ich einen Fehler gemacht?
Übertreibe ich?
Bin ich zu empfindlich?

Nach außen zeigt sich das oft so:

Anpassen.
Rückzug.
Sich erklären.
Sich entschuldigen.

Die innere Haltung ist:
Ich bin nicht ok. Du bist ok.

Nach außen gehen – angreifen oder kämpfen

Andere gehen sofort nach außen:

Was bildet der sich ein?
Der hat doch keine Ahnung.

Nach außen wird daraus schnell:

Rechtfertigen.
Gegenangriff.
Ironie.
Sarkasmus.
Gockelkampf. Beide hacken aufeinander ein.

Die innere Haltung ist:
Ich bin ok. Du bist nicht ok.

Resignieren – innerlich abbrechen

Wieder andere geben innerlich auf:

Das bringt hier nichts.
Mit dem kann man nicht reden.
Das ist sowieso sinnlos.

Man zieht sich zurück.
Wird kühl.
Oder gleichgültig.

Innerlich heißt das:
Ich bin nicht ok. Du bist auch nicht ok.

Beziehung auf Sparflamme.
Oder beendet.

Alle drei Varianten sind verständlich.
Alle sind menschlich – sie gehören zu den typischen Grundhaltungen im Gespräch, die wir in angespannten Situationen einnehmen.

Aber keine davon führt zu wirklicher Klarheit oder Würde.

Bei mir bleiben: Der erste entscheidende Schritt

Nach den automatischen Reaktionen gibt es noch eine vierte Möglichkeit.

Sie ist die schwierigste.

Ich bleibe bei mir.
Ich stabilisiere mich.
Ich nehme wahr, was Du tust.
Und ich werte Dich nicht ab.

Aber ich lasse mich auch nicht klein machen.

Ich bin ok.
Du bist ok – diese innere Position habe ich im Artikel Ich bin ok“ ausführlicher beschrieben.

Das heißt nicht, dass Dein Verhalten in Ordnung ist.
Es heißt, dass ich Dich als Mensch nicht abwerte.

Und mich selbst auch nicht.

Ich bleibe klar.
Und ich bleibe würdevoll.

Das ist Selbststabilisierung.
Die erste innere Steuerung.

Ein Sich-zu-sich-Zurückziehen.

Wenn Dir das gelingt, entspannt sich oft schon das ganze Feld.
Wenn nicht, muss irgendjemand die Spannung tragen.

Den anderen ansprechen – klar und respektvoll

„Ich bin ok – Du bist ok“ heißt nicht: alles schlucken.

Es heißt:

Ich achte Dich als Mensch.
Und ich spreche an, was für mich nicht stimmig ist.

Zum Beispiel so:

„Warum rollst Du mit den Augen?“
„Warum grüßen Sie mich nicht?“
„Warum drehen Sie mir den Rücken zu?“

Das ist direkt.
Manchmal nötig.
Aber oft eskaliert es schnell.

Meist hilfreicher ist eine ruhigere Form:

„Immer wenn Sie in mein Zimmer kommen, um die Akten zu holen,
schauen Sie zum Fenster hinaus.
Ich habe dann das Gefühl, dass Sie mich nicht wahrnehmen.

Das ist unangenehm für mich.

Mir wäre es lieber,
Sie würden kurz klopfen, mich ansehen und grüßen.“

Wie übergriffige Kommunikation entsteht und wie sie sich vermeiden lässt, habe ich hier ausführlicher beschrieben.

Hier wird niemand abgewertet.
Und trotzdem wird klar benannt, was stört.

Wenn kein Gespräch möglich ist

Es gibt Menschen, die innerlich nicht erreichbar sind.

Die brauchen ihre Überlegenheit.
Ihre Abwertung.
Ihre Geschichte.

Dann kannst Du nichts klären.

Dann bleibt:

Bei Dir bleiben.
Dein Leben leben.
Deine Würde schützen.

Auch ohne Zustimmung.
Auch ohne Anerkennung.

Niemand lässt sich zwingen, einen wirklich zu sehen.

Innere Würde als Orientierung

„Ich bin ok – Du bist ok“ in schwierigen Begegnungen zu leben,
ist keine Methode.

Es ist eine große Herausforderung.
Sie braucht Übung.
Aufmerksamkeit.
Und Ehrlichkeit mit sich selbst.

Es ist ein Ziel, das nicht leicht zu erreichen ist.

Aber ein lohnenswertes Ziel,
wenn man fair und respektvoll mit anderen umgehen möchte.

Diese innere Haltung entsteht nicht allein durch Verstehen.

Sie entsteht durch Übung im Alltag.

Bewusstheit im Alltag ist wie ein Muskel.
Je öfter Du ihn nutzt, desto stabiler wirst Du innerlich.

Genau dafür habe ich eine kleine Mail-Serie entwickelt:
„Ankommen im Alltag“.

Sie enthält kurze Wahrnehmungsübungen,
die Dir helfen, bei Dir zu bleiben
und mit der Zeit klarer und emotionsfreier zu handeln.

Hier findest Du sie kostenfrei


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Andrea Sam