Tja. Wieder so ein Titel, der nach Vorwurf klingt. Ist er aber nicht. Ist eher eine Frage an mich selbst: Wo hab ich Spiritual Bypassing – spirituelle Konzepte als Fluchtweg vor dem eigenen Fühlen – bei mir selbst nicht erkannt?
Spiritual Bypassing heißt: spirituelle Konzepte benutzen, um ein eigenes Gefühl nicht fühlen zu müssen – „das kommt von außen“ statt „das ist meins“.
Was hat mich das Nicht-Ich-Konzept gelehrt?
Ich war jahrelang im Buddhismus unterwegs. Hab mich speziell mit dem Nicht-Ich beschäftigt – diesem Gedanken, dass es „das Ich“, wie wir es fühlen, so gar nicht gibt. Und ich dachte, ich hab das gut durchdrungen. Ehrlich, richtig gut.
Kennt der Buddhismus überhaupt Trauma?
Dann kam die IoPT-Ausbildung. Und mit ihr eine Frage, die ich vorher nie gestellt hatte: Kennt der Buddhismus eigentlich Trauma? Weiß er, wie man damit umgeht?
Durch eigene Aufstellungen wurde mir nach und nach klar: Ich hatte Themen, die mir gar nicht bewusst waren. Ich litt mehr unter meiner Vergangenheit, unter bestimmten Verletzungen, als ich mir je zugestanden hätte. Und vorher? Vorher war es leichter, zu sagen: Das ist eine Energieübertragung von jemand anderem.
Nicht mein Gefühl. Kommt von außen. Nicht meins.
Bis ich das einfach mal weggenommen hab – dieses „kommt von außen“ – und stattdessen angenommen hab: Das ist einfach ein Gefühl von mir. Und das hat die ganze Welt verändert.
Ich hab dieses Muster nicht nur bei mir gesehen. Auch in der Buddhismus-Szene, bei Menschen, die ich dort kennengelernt hab. Immer wieder dasselbe: Alles kommt von außen, hat nix mit dem eigenen Ich zu tun. Und geprüft wird das auch nicht groß. Warum auch? Es gibt ja gar kein Ich, das man prüfen müsste.
Klingt logisch. Ist aber eine ziemlich bequeme Form spiritueller Vermeidung – oder, wie man in der IoPT sagen würde, eine gut funktionierende Überlebensstrategie.
Wohin verschwindet das Ego, wenn’s angeblich keins gibt?
Und dann, als ich mich aus dem Buddhismus gelöst hab, war ich überrascht. Manche Menschen aus der Szene waren gar nicht einverstanden damit. Und plötzlich war da ganz viel Ego, das vorher angeblich gar nicht da war. Mit einer Selbstverständlichkeit kam das raus und hat um sich geschlagen.
Wie bitte? Wo war das die ganze Zeit?
Jetzt könnte man denken, ich will hier den Buddhismus schlechtreden. Nein. Will ich nicht. Ich bin nach wie vor angetan von diesem System. Ein tolles Konzept, ehrlich. Aber es lohnt sich, mal genauer hinzuschauen.
War sogar Buddha traumatisiert?
Seine Mutter, Königin Maya, starb sieben Tage nach seiner Geburt. Sieben Tage. Aus traumatherapeutischer Sicht spricht man bei einem so frühen Verlust der Mutter meist von einem frühen Bindungstrauma. Ich will das nicht als Diagnose hinstellen – dafür fehlt mir jede Grundlage, ich hab ja keine Aufstellung mit Buddha gemacht (:-) – aber als Frage darf sie stehen bleiben: Fängt die Geschichte dieser Lehre vielleicht selbst mit einem Trauma an?
Wer hat „Spiritual Bypassing“ erfunden?
Auch der Begriff „Spiritual Bypassing“ kommt nicht von irgendwoher. Geprägt hat ihn 1984 der Psychotherapeut John Welwood – selbst über Jahrzehnte Schüler des tibetischen Buddhismus, in der Linie von Chögyam Trungpa Rinpoche. Er hat genau dieses Muster in seiner eigenen buddhistischen Gemeinschaft beobachtet. Und in sich selbst. Das ist also keine Erfindung von außen, die dem Buddhismus übergestülpt wird. Das kommt von innen.
Wie geh ich heute mit dem Nicht-Ich-Konzept um?
Ich kenn das Nicht-Ich-Konzept. Ich versteh es. Ich halt es nach wie vor für stimmig. Aber ich hab gemerkt: Es ist wichtig, erstmal versuchsweise anzunehmen, dass es doch ein Ich geben könnte. Und dann zu schauen: Welche Wunde steckt eigentlich dahinter?
Die Frage nach dem Ich kann offenbleiben. Muss sie sogar, finde ich. Aber die Wunde will erstmal angeschaut werden, bevor man sie wegerklärt.
Warum kann jedes System zur Falle werden?
Das ist übrigens nicht nur eine Buddhismus-Geschichte. Jedes System – ob religiös, spirituell, therapeutisch, auch Aufstellungen – kann zur Falle werden. Kann etwas verdecken, ohne dass man’s merkt. Genau deshalb ist mir so wichtig, verschiedene Systeme kennenzulernen. Sie zu vergleichen. Mich zwischen ihnen bewegen zu können, statt mich in einem festzusetzen.
„Das kommt von außen“ macht ohnmächtig – wenn man’s immer nur benutzt, um vor der eigenen Wunde wegzukommen. Aber es kann auch das Gegenteil sein. Manche Menschen beziehen alles auf sich. Jedes Wort, jede Stimmung im Raum, jeder schlechte Tag von jemand anderem. Und genau da ist das buddhistische Konzept plötzlich wieder Gold wert: Nee, das hat nicht alles mit mir zu tun.
Und manchmal stimmt das ja auch wirklich. Manches kommt tatsächlich aus dem Umfeld, nicht aus einem selbst. Das Nicht-Ich-Konzept einfach wegzulassen wäre also auch falsch. Die eigentliche Arbeit ist, das zu prüfen: Kommt’s grad von mir – oder kommt’s wirklich von außen? Und dafür bräuchte man dann eigentlich wieder ein drittes System. Hui. Am Ende brauch ich fünf Systeme, nur um rauszufinden, welches Gefühl grad meins ist 🙂
Vielleicht ist das die eigentliche Übung. Nicht ein System zu finden, das endlich alles erklärt. Sondern beweglich zu bleiben zwischen den Systemen – und ehrlich hinzuschauen, wenn eins von ihnen anfängt, die eigene Wunde zu verdecken statt sie zu heilen.
Häufige Fragen zu Spiritual Bypassing
Was bedeutet Spiritual Bypassing?
Ich versteh darunter, spirituelle Konzepte zu nutzen, um eigene Gefühle oder Wunden nicht fühlen zu müssen – statt sie anzuschauen.
Wer hat den Begriff Spiritual Bypassing geprägt?
Der Psychotherapeut John Welwood, 1984 – er selbst war über Jahrzehnte Schüler des tibetischen Buddhismus und beobachtete das Muster in seiner eigenen Sangha.
Ist Spiritual Bypassing nur ein buddhistisches Phänomen?
Nein. Ich erlebe es als Fallgrube, in die jedes System tappen kann – religiös, spirituell oder therapeutisch.
Wie erkenne ich Spiritual Bypassing bei mir selbst?
Bei mir war der Signalsatz: „Das ist eine Energieübertragung von jemand anderem.“ Wenn ein Gefühl reflexhaft nach außen erklärt wird, lohnt sich ein zweiter Blick.
War Buddha selbst traumatisiert?
Das kann ich nicht sicher sagen – aber seine Mutter starb sieben Tage nach seiner Geburt, was aus traumatherapeutischer Sicht auf ein frühes Bindungstrauma hindeuten könnte.
Wenn Du spürst, dass Du selbst gerade irgendwo verstrickt bist – in einem System, einem Konzept, einer alten Gewohnheit, die sich gut anfühlt, aber nichts mehr löst:
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