Warum wir streiten, und was eine gute Streitkultur ausmacht

Blaues Mandala

Ich nehme mit diesem Artikel an der Blogparade „Streit: Von Verletzungen, Veränderungen und Erkenntnissen“ von Tamara teil. Ein Thema, das mich beruflich als Kommunikationsberaterin immer wieder beschäftigt – und das gleichzeitig ganz viel mit dem Privatleben von uns allen zu tun hat.

Als Privatperson mag ich nicht, wie wir mit Streit umgehen – meistens einfach, weil wir es nicht besser wissen. Das frustriert mich. Ich denke da zum Beispiel an eine Freundin, die in Konflikten sofort die Keule rausholt – selbstgerecht, und reflektiert dabei null. Mir ist völlig klar, dass wir weder eine gesunde Streitkultur haben, noch sie kennen, geschweige denn leben – weder im Kleinen, noch in den Medien, noch auf der ganzen Welt. Aber ich erlebe auch: Leichter wird es, sobald sich jemand auf die Schritte einlässt, die ich hier beschreibe – dann lassen sich auch Lösungen finden.

Wenn Du gerne streitest und es toll findest, dann brauchst Du hier nicht weiterzulesen. Es soll Menschen geben, die Streit belebend finden und das Gefühl haben, jetzt geht es richtig rund.

Heute früh saß ich im Café, und nach einem Blick auf ihr Handy legte die Frau, mit der wir am Tisch saßen, los, schimpfte, fluchte – unsere schöne Stimmung war weg. Mein Mann und ich überlegten noch, ob die Streitkultur in Italien einfach anders ist als bei uns, denn die Frau war Italienerin. Gut ging es ihr nicht. Immerhin hat sie ihre Emotionen „rausgelassen“. Wir haben sie abbekommen.

Gut, lasst uns mal untersuchen, was zu Streit führt, und wie man ihm gut begegnen könnte. Denn als Kommunikationsberaterin habe ich natürlich viele Möglichkeiten, wie wir gut mit Streit umgehen können.

Was ist Streit, und warum streiten wir überhaupt?

Es gibt verschiedene Ebenen, und diese Ebenen in einem Streitgespräch möchte ich gerne beleuchten, damit wir in eigenen Konflikten genauer hinsehen können und einen Weg finden, wie wir besser damit umgehen können. Aber was ist ein Streit? Die Definition von Wikipedia ist:

„Streit … ist das offene Austragen einer Meinungsverschiedenheit zwischen zwei oder mehreren Akteuren, Personen, Gruppen oder auch Parteien. Der Streit muss nicht immer offenkundig und nicht notwendigerweise feindselig sein. Im Gegensatz zur neutraleren Diskussion ist er oft von emotionalen Elementen begleitet oder getragen.“

In dem Beitrag von Wikipedia wird deutlich, dass es sich vielfach um Emotionen handelt. Aber was für Emotionen, bei wem, und wodurch ausgelöst? Nehmen wir an, Person A streitet mit Person B um Sache C.

Das erste, was wir uns fragen können, ist: Welche Emotionen habe ich, was hat das mit mir zu tun? Was in mir ist verletzt? Wo habe ich das Gefühl, zu kurz zu kommen? Was von mir wird nicht respektiert? Was von mir wird scheinbar oder tatsächlich übergangen? Welche Grenzen werden nicht eingehalten, was wird mir unterstellt, was ich nicht möchte? Wo ist mein Schmerz?

Diese Fragen helfen schon einmal viel weiter. Meist geht es viel schneller, dass wir sofort auf den Inhalt losstürzen und den anderen schuldig sprechen, so wie unsere Italienerin heute.

Ein Streit im Café – eine Szene aus dem Alltag

Sie hat ein Lokal und hat eine SMS bekommen, dass sich ein Mitarbeiter für heute krank gemeldet hat. Sie las die SMS und schimpfte laut, in einem Gemisch aus Italienisch und Deutsch: „Die Ragazze (Mädchen) machen immer so kurzfristige Absagen.“ Sofort versuchte sie, die Mitarbeiterin telefonisch zu erreichen. Niemand ging ans Telefon, und sie schimpfte weiter.

Was steckt wirklich dahinter?

Als Beraterin wird mir bei so einer Szene nie langweilig – es gibt gefühlt 1000 mögliche Fragen und Ansatzpunkte, die weiterführen würden. Vorausgesetzt, es besteht überhaupt Interesse an einer echten Lösung. Denn sehr häufig steht die gar nicht im Fokus – man beschwert sich lieber, weil der andere so unmöglich ist. Dann muss man ja selbst nichts ändern.

Klar ist es ärgerlich, wenn ein Mitarbeiter kurzfristig absagt. Klar noch ärgerlicher, wenn er nicht zu erreichen ist. Aber was nutzt Schimpfen? Sie hat damit nur kurzfristig Energie abgelassen. Andere damit behelligt, aber keine Lösung gefunden.

Berater-Fragen von mir wären: Was ist kurzfristig? Wann sollte sie arbeiten? Wie oft kommt das vor? Machen das mehrere Mitarbeiter so? Was habt ihr vereinbart über Absagen? Wie kurzfristig, auf welchem Weg kommen Absagen? Aber ich bin sicher, darüber wurde nie gesprochen.

Aber wie soll die Frau zu einer Lösung kommen, wenn sie keine Problemanalyse macht? Was genau ist das Ärgerliche? Dass sie kurzfristig keine Kraft hat? Dass sie die Frau nicht am Telefon erreicht? Dass sie selbst überlastet ist? Dass sie nicht weiß, wie sie den Tag heute stemmen soll? Fragen über Fragen, die wichtig sind zu beantworten. Denn dann ist eine mögliche Lösung auffindbar. So geht es nur um Emotionen.

Bleiben wir bei der Restaurantbesitzerin: Sie müsste eine genauere Analyse machen, um herauszufinden, um was es ihr geht. Geht es um Personalführung? Geht es um Zuverlässigkeit? Geht es um Personalmangel? Für die Besitzerin wirkt es erstmal völlig klar: Sie ist sauer über die kurzfristige Absage. Aber ist sie wirklich darüber sauer?

Zufällig weiß ich, dass ihr Ehemann aktuell gesundheitlich schwer angeschlagen ist, was morgen auch nicht besser wird. Ist das der eigentliche Punkt? Ist sie traurig über ihren Mann? Wäre es unabhängig davon an der Zeit, über eine Veränderung/Schließung nachzudenken, wovon würden sie dann leben? Sehr viele Fragen, die alle aufgeworfen werden durch die Absage der Mitarbeiterin. Dinge, die alle völlig unklar sind. Durch Nachfragen im Rahmen einer Beratung würde man schnell auf den eigentlichen Schmerzpunkt kommen.

Und aus Sicht der Mitarbeiterin?

Betrachten wir den Streitpunkt weiter, aus Sicht der Mitarbeiterin: Ist es aus ihrer Sicht rechtzeitig? Warum geht sie nicht ans Telefon? Arbeitet sie gerne da? Muss sie arbeiten?

Du siehst schon, wie tief man aus dieser einzelnen Situation schauen kann. Jetzt könnte man das Ganze noch weiter drehen und fragen: Was denkt/erlebt die Besitzerin, wenn sie im Café ist und dann so lautstark anfängt zu schimpfen? Ist sie sich dessen bewusst? Ist es ihr egal? Hat es sie genervt, dass wir am Tisch saßen? Wollte sie ihrem vertrauten Nachbarn mitteilen, wie schlimm sie es hat?

Durch diese vielen Betrachtungsweisen kannst Du sehen, dass ein Streit, ein Konflikt nicht immer einfach ist. Dabei sind wir jetzt noch nicht in die Tiefe gegangen, haben noch nicht analysiert, ob die Restaurantbesitzerin immer schon von anderen im Stich gelassen wurde, und sie deshalb so stark reagiert, weil sie das Muster kennt? Oder ist das Muster egal, hat sie gelernt, lautstark ihrem Missfallen Ausdruck zu geben, damit dann plötzlich andere Leute für eine Lösung sorgen? (Wir sind frühzeitig gegangen und wissen nicht, ob der Italiener geholfen hat.)

Auf ganz einfache Punkte reduziert würde das bedeuten: Um was geht es Dir? Was ist Deine Emotion, Deine Verletzung, und was möchtest Du anders haben? Wenn wir so auf den Grund unseres Streits kommen, kann es sein, dass wir leichter eine Lösung finden. Meist aber kommen wir gar nicht dahin, da wir leichter den anderen für schuldig und falsch erklären.

Um was geht es mir, was ist mir wichtig, was will ich dem anderen mitteilen? Durch genaue Analyse der Situation, dem echten Zuhören, und verstehen, was ich will, was der andere will, kann man zu einer guten Lösung kommen. Meist nehmen wir uns nur nicht die Zeit, um die Thematik auseinanderzunehmen und zu analysieren. Emotionen sind sehr schnell. Sie sind uns gute Hinweisgeber, sind Einstiegspforten in die Fragen. Aber sie sind, nur abgeführt, oft nicht sehr nützlich.

Übertrage das jetzt auf Deinen eigenen Streit: Geht es nur um Dich, oder geht es um die andere Person? Hat es mit Deinem Raum zu tun, oder mit ihrem? Was möchtest Du von der anderen Person? Und kann sie das, was Du möchtest, überhaupt verstehen und umsetzen – oder ist es nicht möglich, weil Du so sprichst, dass sie keine konkrete Handlung damit verbinden kann? Der Satz „Ich will, dass du respektvoll mit mir umgehst“ sagt leider nichts aus, da nicht klar ist, an was der Respekt festgemacht wird, und wie er zu erfolgen hätte. Deshalb ist die Aussage nur heiße Luft und wird keine Änderung bringen.

Gute Streitkultur: erst sich selbst, dann den anderen verstehen

Zurück zu unserer Restaurantbesitzerin: Sie hätte nichts von alldem wissen müssen, um trotzdem anders zu reagieren. Es hätte gereicht, kurz innezuhalten und sich zu fragen, worum es ihr in diesem Moment eigentlich geht.

In einer guten Streitkultur nimmt sich jeder erst einmal Zeit und überprüft, um was es einem selbst geht. Womit bin ich unzufrieden, was gefällt mir nicht, was hätte ich gerne anders? Kann der andere das erfüllen, und wie muss ich es formulieren, dass der andere es tun kann? Wenn beide ihre Situation deutlich analysieren, hören wir auf, den anderen früh blöd, schuldig oder sonst was zu bezeichnen, sondern wir suchen in uns das Handlungsfeld. Wenn sich die Situation für mich so und so zeigt, was kann ich dann tun? Worum muss ich bitten, was kann ich ändern? Dann sind wir lösungsorientiert und nicht im Schmerz.

Übertragen auf unsere Restaurantbesitzerin könnte das heißen: Statt zu schimpfen „Die Ragazze machen immer so kurzfristige Absagen“, eine klare Bitte zu formulieren – zum Beispiel: „Ich möchte, dass du mir Absagen ab jetzt bis spätestens 18 Uhr am Vortag per SMS meldest.“ Das ist konkret, umsetzbar, und die Mitarbeiterin weiß genau, woran sie ist. Wobei zu klären wäre, wie soll mit kurzfristiger Erkrankung umgegangen werden.

Sehr schnell landen wir auch bei dem Thema Werte. Hat der andere die gleichen Werte wie ich? Wie gehe ich mit jemandem um, der andere Werte hat?

Es geht immer darum, einen eigenen Weg zu finden. Einen Weg, wo ich etwas tun kann, oder auch, wo ich den anderen um etwas bitten kann.

Bei einer guten Streitkultur machen wir vor allem eine genaue Analyse unseres Denkens, Fühlens und Wollens. Dann erst schauen wir zu anderen hin, kümmern uns um den anderen. Heute ist es eher andersherum: Man findet schnell einen Schuldigen und kommt nicht zum Nachdenken, was der eigene Anteil an dem Konflikt ist, und was man selbst braucht.

Fazit & Ausblick

Streit lässt sich nicht in einem Satz lösen. Aber wenn wir uns die Zeit nehmen hinzuschauen, was in uns wirklich passiert, kommen wir der Sache oft näher als durch jeden lautstarken Schuldspruch. Genau darum ging es mir mit diesem Beitrag zur Blogparade „Streit: Von Verletzungen, Veränderungen und Erkenntnissen“ von Tamara: zu zeigen, wie viel Vielfalt in einem einzigen Streit steckt – und dass echte Lösungen erst entstehen, wenn wir bei uns selbst anfangen zu fragen, worum es eigentlich geht.

Wenn Du mehr solche Beiträge und kleine Kommunikationsbegegnungen aus dem Alltag lesen willst, findest Du das regelmäßig in meinem Newsletter.

Und falls Du beim Lesen bei einem eigenen Streit gelandet bist, den Du einfach nicht zu fassen kriegst: Beim Abend der Klarheit bringst Du genau so ein Thema mit, und wir schauen live gemeinsam hin – online, einmal im Monat. Du musst nichts vorbereiten, nur Dein Anliegen.

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Andrea vor Felsen

Ich bin Andrea Sam — Coach, Beraterin und Seminarleiterin mit jahrzehntelanger Erfahrung in Kommunikation, Konfliktmanagement und persönlicher Entwicklung. Ich begleite Menschen, die Klarheit suchen — im Gespräch, in schwierigen Situationen und in sich selbst. Mein Ansatz ist ganzheitlich, nah am Menschen und nah an der Wirklichkeit.

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