Was eine Herkunftsfamilie ist, habe ich in einem anderen Artikel ausführlich beschrieben. Kurz gesagt gehören dazu alle Menschen, mit denen Du blutsverwandt bist und die vor Dir geboren wurden – also Deine Eltern, deren Geschwister, Großeltern und weitere Generationen zurück. Auch Halbgeschwister, uneheliche Kinder, abgetriebene oder früh verstorbene Kinder sowie ausgegrenzte Familienmitglieder gehören dazu.
Eine ausführliche Erklärung dazu findest Du hier:
Was ist eine Herkunftsfamilie? Bedeutung und Auswirkungen einfach erklärt
Das ist die systemische Definition von Herkunftsfamilie.
Schauen wir uns nun das Thema Gefühle an.
Was ist ein Gefühl?
Über Gefühle kann man unendlich viel schreiben. Je näher man sich dem Thema nähert, desto unbestimmter scheint es zu werden.
Wenn Du Dir mit dem Hammer auf den Finger schlägst und es tut weh, dann ist das eindeutig Dein Gefühl.
Wenn Du aber große Angst davor hast, dass Dir jemand mit dem Hammer auf die Finger schlagen könnte – obwohl Dir das nie passiert ist – dann lohnt sich ein genauerer Blick.
Manchmal tragen wir Gefühle, die ursprünglich zu einem anderen Menschen gehören. Zu einem Vorfahren, dessen Erlebnis nie verarbeitet wurde.
Gefühle fühlen sich immer real an.
Und genau das macht es so schwierig.
Wenn Gefühle stärker sind als die Situation
Ich habe einmal sehr intensiv unter dem Verlust einer Partnerschaft gelitten. Schon währenddessen war mir klar, dass die Intensität meiner Gefühle nicht zur realen Qualität dieser Beziehung passte.
Erst im Laufe mehrerer Aufstellungen wurde sichtbar, dass ich nicht nur meinen eigenen Schmerz trug, sondern auch den Schmerz meiner Eltern und Großeltern. In meiner Familie waren mehrere Menschen schon sehr früh Halb- oder Vollwaisen geworden.
Kein Wunder also, dass das Thema „Verlassenwerden“ bei mir übermäßig stark aktiviert war.
Heimatlosigkeit und übernommene Unruhe
Wenn Eltern oder Großeltern auf der Flucht waren, kann es sein, dass Nachkommen ein Gefühl von Heimatlosigkeit oder innerer Unruhe in sich tragen – obwohl sie selbst nie vertrieben wurden.
Ich begleitete einmal einen jungen Mann, der die große Firma seines Vaters übernehmen sollte. Er hatte massive Angst, das Unternehmen in den Konkurs zu führen.
Eine realistische Grundlage für diese Angst gab es nicht. In der Beratung zeigte sich jedoch, dass der Bruder seiner Mutter sich das Leben genommen hatte, nachdem er seine Firma in den Konkurs geführt hatte.
Nachdem dieses Thema klar benannt und innerlich an den richtigen Platz gestellt wurde, konnte sich die übernommene Angst deutlich lösen.
Wenn man erkennt, wem ein Gefühl ursprünglich gehört, dessen Not sieht und anerkennt, kann oft spürbare Entlastung eintreten.
Gefühle aus der Schwangerschaft
Viele übernommene Gefühle beginnen bereits im Mutterleib.
Ein ungeborenes Kind kann nicht unterscheiden, was es selbst fühlt und was die Mutter fühlt. Wenn eine Mutter während der Schwangerschaft große Angst, Trauer oder Stress erlebt, kann das Kind diese Gefühle übernehmen.
Erst wenn später klar wird, woher diese Gefühle stammen, kann man beginnen, die eigenen von den übernommenen Gefühlen zu unterscheiden.
Wie weit Gefühle zurückreichen können
Was mich selbst besonders betroffen gemacht hat, ist die Erfahrung, wie weit Gefühle zurückreichen können.
In einer Aufstellung stieß ich auf Themen meines Ururgroßvaters. Ich konnte die Auswirkungen sowohl bei mir als auch bei direkten männlichen Nachkommen erkennen, die schwere Schicksale erlebt hatten.
Das kann erschreckend sein.
Und es führt zu einer existenziellen Frage:
Was bin ich selbst – jenseits meiner Ahnen?
„Bin ich wirklich das Kind meines Vaters?“
Manche Menschen tragen ein diffuses Gefühl in sich:
„Irgendetwas stimmt nicht. Mein Vater ist nicht wirklich mein Vater.“
Dieses Gefühl kann aus realen biografischen Umständen entstehen. Es kann aber auch Ausdruck einer unbewussten familiären Verstrickung sein.
In der Aufstellungsarbeit zeigt sich manchmal, dass es in der Ahnenlinie ein verschwiegenes Kind, eine nicht anerkannte Vaterschaft oder eine verdeckte Beziehung gab. Solche Ereignisse können systemisch weiterwirken – nicht als Beweis, sondern als innere Bewegung.
Ich begleitete einmal einen Mann, dessen Mutter streng religiös und sexualfeindlich lebte. In Aufstellungen zeigte sich über mehrere Schritte hinweg, dass seine Entstehungsgeschichte komplexer war, als offiziell erzählt wurde. Für ihn war weniger der genetische Beweis entscheidend, sondern das innere Verstehen.
Als eine Schwester später beiläufig bemerkte, dass er seinem „Vater“ nie ähnlich gesehen habe, brachte allein diese Resonanz ihm spürbare Entlastung.
Nicht jede innere Irritation braucht einen Gentest.
Manchmal reicht es, wenn ein verborgenes Thema innerlich benannt werden darf.
Identität und übernommene Themen
Wenn sich ein Mensch im eigenen Körper fremd fühlt oder sich dem anderen Geschlecht näher fühlt, kann das unterschiedliche Ursachen haben. Für manche ist es eine klare und stimmige Identitätserfahrung.
In meiner Arbeit habe ich jedoch auch Fälle erlebt, in denen sich in Aufstellungen starke Identifikationen mit Ahnen zeigten – etwa mit einem missachteten oder ausgeschlossenen Vorfahren. Manchmal übernimmt ein Nachkomme unbewusst die Position oder das Erleben eines solchen Ahnen. Das kann sich wie ein Identitätskonflikt anfühlen, obwohl es systemisch betrachtet eine Loyalität oder Identifikation ist.
Aufstellungen zeigen dabei keine genetische Wahrheit, sondern das, was innerlich wirkt.
Ob ein Gefühl zutiefst eigen ist oder aus einer familiären Verstrickung stammt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Genau deshalb lohnt sich in manchen Fällen ein differenzierter Blick.
Aufstellungen helfen beim Sortieren
Aufstellungen helfen, innere Verstrickungen sichtbar zu machen. Nicht im Sinne eines genetischen Beweises, sondern als Darstellung dessen, wie Energie und Identifikation im Inneren wirken.
In der Aufstellungsarbeit gibt es die Beobachtung, dass die heutige Generation viel sortiert und aufarbeitet – und dadurch nachfolgenden Generationen Last abnimmt.
Auch Themen wie Geldverlust oder Angst vor Verlust lohnen sich anzusehen.
Manches wissen wir aus unserer Familie.
Vieles wissen wir nicht.
Manches wurde verschwiegen oder anders erzählt.
In einer Aufstellung zeigt sich oft, wie es innerlich wirkt – unabhängig davon, wie es offiziell erzählt wurde.
Wenn Du diese Form der Arbeit kennenlernen möchtest, findest Du hier weitere Informationen zu meinen Online-Resonanzabenden:
Selbstbegegnung im Resonanzfeld
Wenn Du selbst ein Anliegen aufstellen möchtest, ist das sowohl in der Gruppe als auch im Einzelsetting möglich. Gerne beantworte ich Deine Fragen.
| Andrea Sam ist Kommunikationsberaterin, Rhetoriktrainerin und systemische Begleiterin. Sie arbeitet mit Aufstellungen, um familiäre Prägungen, übernommene Gefühle und unbewusste Verstrickungen sichtbar zu machen. Ihr Schwerpunkt liegt darauf, innere Klarheit zu fördern – damit Menschen freier sprechen, klarer handeln und sich in ihrer eigenen Identität sicherer fühlen. In Einzelsettings, Gruppen und Online-Resonanzabenden begleitet sie Menschen bei Themen rund um Herkunftsfamilie, Kommunikation und innere Ordnung. |