Was ist eine Herkunftsfamilie? Bedeutung und Auswirkungen einfach erklärt

Foto mit Baumrinde

Unsere Herkunftsfamilie prägt uns oft stärker, als wir vermuten.
Viele innere Muster, Gefühle und Blockaden haben hier ihren Ursprung.

Herkunftsfamilie: Bedeutung und Auswirkungen einfach erklärt

Die Herkunftsfamilie ist die Familie, aus der wir stammen: unsere Eltern, Geschwister und die Generationen vor uns.
Dazu gehören auch früh verstorbene, ausgeschlossene oder vergessene Familienmitglieder.
Oft wirken ihre Schicksale und Gefühle in uns weiter, ohne dass wir es merken.
Das zeigt sich im Alltag, in Beziehungen – und auch, wenn wir vor anderen sprechen.

Im Unterschied zur aktuellen Familie oder Wahlfamilie bleibt die Herkunftsfamilie unser Leben lang wirksam.
Bei Aufstellungen spielt sie deshalb eine zentrale Rolle.

Wer gehört zur Herkunftsfamilie?

Zur Herkunftsfamilie gehören alle Menschen, mit denen wir biologisch verbunden sind – unabhängig davon, ob sie noch leben, ob wir Kontakt haben oder wie das Verhältnis ist.

Typischerweise sind das:

  • Eltern und Geschwister
  • Großeltern und deren Geschwister
  • Urgroßeltern und frühere Generationen

Dazu gehören ebenso:

  • Fehlgeburten und früh verstorbene Kinder
  • abgetriebene Kinder
  • ausgeschlossene Familienmitglieder
  • psychisch erkrankte Angehörige
  • Halbgeschwister
  • im Krieg gefallene oder vermisste Personen

Auch diese Menschen wirken im Familiensystem weiter, selbst wenn kaum über sie gesprochen wird.

Wer gehört nicht zur Herkunftsfamilie?

Nicht zur Herkunftsfamilie zählen:

  • frühere oder aktuelle Partner
  • die eigenen Kinder
  • Stiefeltern und neue Partner der Eltern

Sie können emotional sehr wichtig sein, gehören aber systemisch nicht zur Herkunftsfamilie.

Meine Großeltern. Mein Opa wurde erst zu Kriegsende eingezogen. Dann allerdings wurde er als vermisst gemeldet. Mein Onkel heißt wie er. Das hat große Auswirkungen auf sein Leben.

Wer gehört nicht zur Herkunftsfamilie?

Nicht zur Herkunftsfamilie gehören:

  • frühere und aktuelle Partner
  • die eigenen Kinder
  • Stiefeltern und neue Partner der Eltern

Adoptiveltern spielen psychologisch oft eine sehr große Rolle. Systemisch zählen sie jedoch nicht zur Herkunftsfamilie.

Auch spätere Partner der leiblichen Eltern gehören nicht zur Herkunftsfamilie.
Sie prägen die Biografie, sind aber nicht Teil des Herkunftssystems.

Wo erhalte ich Daten?

Wo erhalte ich Daten zur Herkunftsfamilie?

Die erste Quelle ist meist die mündliche Überlieferung durch Eltern und Verwandte.
Es lohnt sich, mehrere Personen zu befragen, da Erinnerungen unterschiedlich sind.

Hilfreich sind außerdem:

  • Stammbücher und Familiendokumente
  • Kirchenbücher der Gemeinden
  • Unterlagen in kirchlichen Archiven oder Ordinariaten
  • Grabsteine auf Friedhöfen
  • Online-Datenbanken und Stammbäume
  • notarielle Unterlagen und alte Verträge
  • Fotoalben, Briefe oder Familienwappen

In meiner Familie habe ich zum Beispiel Todesdaten über alte Stammbücher erfahren.
Meine Großmutter konnte sich damals kaum erinnern – rückblickend denke ich, dass die Erinnerung für sie zu schmerzhaft war.

Oft wird die Datenlage ab den Großeltern oder Urgroßeltern sehr dünn.
Viele kennen nicht einmal mehr alle Namen.

Auffällig ist auch, wenn Namen verstorbener Kinder später wieder vergeben werden.
Das kann auf eine besondere Verbindung hinweisen.

Von den verschiedenen Familienzweigen haben wir Stammbücher

Die Bedeutung der Herkunfsfamilien

Die Schicksale in der Herkunftsfamilie wirken häufig über Generationen hinweg.

Ein einfaches Beispiel ist die Namensweitergabe.
Wenn jemand den Namen eines früh verstorbenen Angehörigen trägt, ist er oft unbewusst mit dessen Schicksal verbunden.

Ein persönliches Beispiel:
Meine Schwiegermutter hieß Rosa. Ihre ältere Schwester, ebenfalls Rosa, starb mit zwölf Jahren.
In ihrer Kindheit hatte meine Schwiegermutter keinen eigenen Platz, da sie immer mit dem Verlust verbunden war.
Das hatte große Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl und ihr Leben.

Schicksale, die im Familienbewusstsein keinen Platz haben, werden oft unbewusst weitergegeben.
Wenn sie gesehen und gewürdigt werden, müssen spätere Generationen sie nicht mehr „tragen“.

Ich kenne zum Beispiel eine Familie, die offen sagt:
Wir sind vier Kinder – drei leben, eines starb kurz nach der Geburt.
Der Name ist bekannt. Jeder weiß davon. Das schafft Ruhe.

Problematisch wird es, wenn schwere Ereignisse verschwiegen oder verfälscht werden.
Lügen verwirren und binden Energie.
Erst wenn die Wahrheit sichtbar wird, kann innerlich Frieden entstehen.

Manchmal werden Kinder die gestorben sind tot geschwiegen. Oder auch schwere Schicksale werden verdrängt.
Sehr häufig aber werden auch Lügen erzählt. Diese Lügen nutzen nichts. Sie verwirren uns, aber die echten Ereignisse „schieben“ aus dem Unterbewussten, so dass erst Ruhe einkehrt, wenn das Schicksal des Ahnen sichtbar wurde.

Ein von Ki erstelltes Foto. Zeigt, wie die Frau intensiv etwas ansieht, was wichtiger ist, als die Rede. Was ist es, das so wichtig ist, dass die Aufmerksamkeit bei den Händen bleibt? Was sieht sie an?

Beispiele aus meinem Arbeitsleben

Aus dem Rhetorik Bereich:

Da ich auch als Rhetoriktrainerin arbeite, und die Hintergründe der Herkunftsfamilie kenne, habe ich auch in den Rhetoriktrainings einige sehr spannende Erfahrungen gemacht. Hier ein paar Beispiele:

Als Rhetoriktrainerin habe es öfter erlebt, dass Menschen, die vor Gruppen sprechen, auf den Boden schauen und den Blick nicht vom Boden lösen können. Ja, es ist nicht das typische für ein Rhetorikseminar – ich habe es aber trotzdem mal offen, mal verdeckt untersucht, ob es in der Familie früh verstorbene Personen gibt. Man nennt es den „Blick zu den Toten“.

Je nach Situation befragte ich die Teilnehmer im Einzelgespräch nach früh oder gewaltsam Verstorbenen. Manchmal war es auch möglich, in der Gruppe die Toten sichtbar zu machen, z.b. indem ich andere Teilnehmer bat, sich auf den Boden zu legen. All das ist nicht typisch für ein Rhetorikseminar. Aber es ist eine Möglichkeit, fest sitzendes Verhalten zu lösen. Denn wenn die Toten im Bewusstsein sind, kann der Blick vom Boden gelöst werden.

Ich erinnere mich an einen hervorragenden Redner. Der aber in der ganzen Firma bekannt war, als der, der IMMER auf den Boden schaut. In der Arbeit mit mir stellte sich heraus, dass es 8 besonders früh und unglücklich Verstorbene in seiner Familie gab. Sein Unterbewusstsein hat sie immer gesucht. Nachdem ich die Verstorbenen sichtbar gemacht hatte und er sie längere Zeit betrachtet und integriert hat, war es ihm möglich auch woanders hinzuschauen, als auf den Boden. Das war ein besonders krasses Beispiel.

Aus dem Consulting Bereich

Oder gleich noch ein Beispiel, diesmal aus dem Bereich Consulting: Ein junger Mann Mitte 20 sollte fit gemacht werden, damit er die Firma seines Vaters übernehmen kann. In der Beratung stellte sich heraus, dass der junge Mann schwere Bedenken hat, dass er die Firma bald in Sand setzt.

Anhand der Energiestruktur konnte ich erkennen, dass hier nicht eine normale Beratung weiterhilft, sondern dass es um die Herkunftsfamilie geht. Seine Bedenken waren so eklatant, dass ich ihn fragte: Wer hat eine Firma in Sand gesetzt? Es kam heraus, dass der Bruder der Mutter Selbstmord gemacht hat, nachdem er eine Firma in den Konkurs getrieben hat.

Der Junge Mann konnte erkennen, dass es die Gefühle und Empfindungen seines Onkels waren. Leider war sein Vater so geschockt, von dem Ergebnis, dass er mir den Auftrag entzog: Ich dürfe nicht in der Familie herumwühlen. Ich wühlte nicht, ich zeigte nur das für mich Offensichtliche auf. Und ich hoffe, dem jungen Mann geht es jetzt gut mir der Firma des Vaters.

Ein Geschäftsmann erzählte in einem Nebensatz, dass er adoptiert ist. Durch genauere Nachfrage von mir kamen die leiblichen Eltern in den Blick. Dadurch, dass der Mann die eigenen Eltern erlebt hatte, war es möglich den Eltern einen sehr guten Platz zu geben. Wir besprachen was passiert war. Dann fragte ich, wie es die leiblichen Eltern jetzt sehen würden, wenn sie sein Leben ansehen würden, und was sie ihm sagen würden. Das Gespräch half eine gute emotionale Grundlage zu sichern und er war sich seiner selbst klarer. Vorher lies er sich leichter verunsicher. Jetzt, mit dem Segen der Eltern, wurde er ruhig.

Andrea Sam guckt durch Baumgabelung
„Andrea Sam guckt durch Baumgabelung
Andrea Sam – ich arbeite nicht nur in Räumen. Auch in der Natur kann man die Herkunftsfamilie sichtbar machen

Wann spielt die Herkunftsfamilie eine Rolle?

Von der Herkunftsfamilie haben wir viele Gefühle und Muster übernommen. Oft tragen wir Themen mit uns herum, die nicht unsere eigenen sind, sondern Gefühle aus Generationen vor uns. Um das zu erkennen, lohnt es sich entweder eine Aufstellung zu machen, oder zu untersuchen, zu wem das Gefühl passen würde. Auffallende Gefühle sind manchmal ohne Aufstellung leicht zu ortbar.

Z.B. Sehnsucht.

Du hast Sehnsucht, nach jemanden. Du weißt aber nicht, warum eigentlich. Das kann z.B. von deiner Oma kommen, deren Mann im Krieg geblieben ist. Vielleicht hat Oma zeitlebens nicht groß über Opa gesprochen, aber die Sehnsuchtsgefühle werden weiter gegeben.

Oder Du fühlst Dich nirgends zu Hause: Das kann von einer Vertreibung der Groß- oder Urgroßeltern kommen, die ihre Heimat verlassen mussten.

Um herauszufinden, wo Gefühle/Empfindungen herkommen, ist es hilfreich sich mit der Herkunftsfamilie zu beschäftigen.

Der erste Schritt ist z.B. sich die Familienverhältnisse aufzuschreiben. Dabei zählen nur Fakten: Geboren, gestorben, verheiratet, geschieden. Das kann man sich erst einmal normal aufschreiben, später ist ein Genogramm hilfreich.

Also: wie viele Geschwister hast Du, an welcher Stelle der Geschwisterreihe stehst Du?

Habt ihr alle die gleichen Eltern?

Ist ein Kind gestorben?

Eltern sprechen selten über Abtreibungen, sollte vor Deiner Geburt eine Abtreibung oder Fehlgeburt stattgefunden haben, hat das auf Dich Auswirkungen. z.B. dass Du das Gefühl hast, nicht gewollt zu sein, oder bald sterben zu müssen.

Eltern: Leibliche Eltern. Hatten die vorher enge Beziehungen? (Ja, meist spielen Sexualbeziehungen eine größere Rolle, als wir bislang zu glauben wagen. Es gibt Studien über Abdrücke im Körper der Mutter oder auch beim Vater von früheren Sexualpartnern. Das erklärt leichter, warum sie für uns eine Rolle spielen können. Was genau vererbt wird, ist noch unklar. Aber man spricht davon, dass auch Abdrücke von früheren Partnern der Eltern in uns sind.)

Fazit: Deine Gefühle müssen nicht zwangsläufig Deine Gefühle sein. Sie können aus Deiner Herkunftsfamilie stammen. Woher die Gefühle stammen bekommst Du am leichtesten entweder über ein Genogramm heraus, oder über eine Aufstellung.

Das alles sind nur ein paar Beispiele, wie einen die Herkunftsfamilie beeinflussen kann.

Was kannst Du bei mir bekommen?

Wenn Du spürst, dass Dich Deine Herkunftsfamilie heute noch beeinflusst – im Fühlen, im Kontakt oder beim Sprechen –, können wir das gemeinsam anschauen.
In einer Aufstellung oder im Coaching wird oft sichtbar, worum es wirklich geht und was innere Klarheit und Ordnung braucht.

Wenn Du Dich zunächst weiter mit dem Thema beschäftigen möchtest, findest Du auf meinem Blog weitere Texte zu Herkunftsfamilie, Kommunikation und Aufstellungsarbeit.
Dort kannst Du Dich auch für meinen Newsletter anmelden und regelmäßig Impulse für Klarheit, Haltung und Präsenz erhalten.

In der Kategorie Aufstellung & Selbstbegegnung findest Du außerdem vertiefende Beiträge zu innerer Ordnung, Resonanzarbeit und systemischen Zusammenhängen.

Über die Autorin

Andrea Sam – Kommunikationsberaterin, Rhetoriktrainerin und Coach.

Sie begleitet Menschen dabei, familiäre Prägungen und innere Muster zu erkennen, die ihre Kommunikation und ihr Auftreten beeinflussen – damit sie klarer sprechen, sicherer wirken und stimmiger handeln können, im Beruf und im Leben.

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8 Kommentare

  1. Liebe Andrea,
    ein wunderbarer Artikel. Ich habe alles verstanden und es ist wirklich gut erklärt und sehr gut aufgebaut.
    Toll auch, wie Du das Deinen Arbeitsbereichen verbindest und da echte Hilfe leisten kannst.
    Die Einführung ist klar und deutlich. Die Beispiele und Geschichten von Klienten und Deiner eigenen Familie gefallen mir sehr,
    Liebe Grüße Martina

  2. Liebe Andrea, was für ein schöner und hilfreicher Artikel.
    Du hast mein Wissen um familiäre Prägungen und Aufstellungsarbeit nochmals vertieft.
    Immer wieder spannend, wie sich unser Geworden sein und die transgenerationale Weitergabe auf unser ganzes Leben auswirkt. Gut es nochmals so klar zu lesen.
    Danke für deinen Artikel.
    Herzliche Grüße von Waltraud

  3. Huhu Andrea – weisst Du über was ich gerade am Meisten gestaunt habe? Dass es im Jahre 1967 schon eine Kommunikationsfirma gab. Ich dachte immer, sei eine Zeiterscheinung. Falsch gedacht. Spannend dein über Mich Seite zu lesen. Familienstellen Themen überfliege ich ganz rasch. Dieses Thema behagt mir gar nicht….. Ja ich weiss, würde sich wahrscheinlich lohnen genauer hin zu schauen. Danke nochmals, dass Du bei mir einen Kommentar hinterlassen hast. Cool. Ganz liebe Grüsse Bea

    1. Liebe Bea
      ja, mein Vater war damals einer der ersten… Und, Familienstellen, ja, ich verstehe, dass da große Bedenken sind. Ich habe versucht, auch kritisch zu schreiben. Und vielleicht ist es ganz gesund, da nicht hin zu wollen. Was Dich genau abschreckt, weiß ich nicht. Wäre spannend zu wissen. Liebe Grüße Andrea

  4. Liebe Andrea, das ist wirklich ein bereichernder Artikel über das, was in Familiensystemen weitergegeben wird. Sehr lebendig wird er durch Deine interessanten Fallbeispiele. Auch ich beschäftige mich mit diesen Themen und insbesondere mit belastenden und unverarbeiteten Emotionen, die in den Ahnenlinien weitergegeben werden. Den Aspekt, wie solche Energien die Redefähigkeit beeinflussen hatte ich zuvor noch nicht betrachtet. Herzlichen Dank!

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Andrea Sam