Was ist Cheffing?
Neuerdings hat es einen Namen: Cheffing. Offiziell heißt das „Führen von unten“. Mitarbeitende, die ihren Chef geschickt beeinflussen. Klingt gut. Kann auch gut sein.
Aber es gibt eine Grenze. Dann übernehmen Mitarbeiter einfach die Führung. Ohne dass sie’s dürften. Ohne dass sie jemand gefragt hat.
Klingt neu. Ist es nicht.
Ich kenne eine Sekretärin, die trifft Entscheidungen für ihren Chef. Einfach so. Der Chef reagiert unterschiedlich. Mal ist er froh. Mal zuckt er zusammen und denkt: Was will die schon wieder.
Die Kolleg:innen tanzen jedenfalls nicht nach ihrer Pfeife. Die machen da nicht mit.
Und genau da wird’s interessant. Nicht der neue Begriff ist das Thema. Sondern das, was dahintersteckt. Ein Muster, das ich aus über 30 Jahren Aufstellungsarbeit kenne. Viel älter als „Cheffing“. Und es taucht überall auf. Nicht nur im Büro.
Das Wichtigste in Kürze
- Cheffing heißt eigentlich „Führen von unten“. Wer dabei ungefragt die Rolle des Chefs übernimmt, ist in der Anmaßung.
- Anmaßung ist ein Begriff aus der Aufstellungsarbeit: Jemand nimmt sich eine Rolle, die ihm nicht zusteht. Im Job genauso wie in der Familie.
- Der Unterschied liegt im Gefragt-Werden: Gibt der Chef Dir eine Aufgabe, ist das Delegieren. Nimmst Du sie Dir selbst, weil Du denkst „das müsste ich jetzt machen“, ist es Anmaßung.
- Es ist fast immer gut gemeint. Und trotzdem richtet es Schaden an.
- Was hilft: die Lücke benennen, Anerkennung einfordern, im Zweifel gehen. Nicht still weitermachen.
Was bedeutet Anmaßung?
Anmaßung heißt: Jemand nimmt sich eine Rolle, die ihm nicht zusteht. Die ihm nicht gehört. Die nicht seiner Position entspricht. Ein Wort aus der Aufstellungsarbeit.
Ein Kind maßt sich an, die bessere Mama zu sein. Ein Mitarbeiter maßt sich an, der bessere Chef zu sein.
Und ich kann das gut nachvollziehen. Wirklich. Die Person, die sich das anmaßt, fühlt sich meistens gut dabei. Fühlt sich richtig. Fühlt sich stimmig. Weil sie denkt: Ich halte das System am Laufen. Wenn ich es nicht mache, macht es keiner.
Der Haken: Der eigentliche Schaden bleibt unsichtbar. Ein unfähiger Chef fällt nicht auf – weil ja jemand anders die Arbeit macht. Der wird unter Umständen sogar befördert. Weil es ja läuft.
Das ist die Falle. Gut gemeint. Trotzdem falsch.
Gefragt oder ungefragt?
Der Unterschied steckt in einem einzigen Wort: ungefragt.
Anmaßung ist es immer dann, wenn ich es ungefragt mache. Wenn ich selbst denke: Das müsste ich jetzt machen. Keiner hat mich gebeten. Ich nehm’s mir einfach.
Gibt mir der Chef eine Aufgabe, ist das was anderes. Das ist Delegieren. Das ist ok.
Naja. Meistens.
Auch da lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ist es wirklich ok? Er bekommt das Geld. Du machst die Arbeit.
Eine Kundin von mir war offiziell Stellvertreterin ihres Chefs. Sie hat ihm zugearbeitet, ganz offiziell. Er hat sie gefragt, ob sie das macht. Und dann hat er es nach außen als seine Arbeit verkauft. Die Arbeit bei ihr. Zu viel davon. Die Anerkennung bei ihm.
Sie kam zu mir, wollte lernen, wie sie mit ihm umgehen soll.
Das war nicht die Lösung. Die Lösung war eine andere: Sie hat sich selbst bewiesen – und anderen -, dass sie die Arbeit kann. Und hat sich auf eine gleich hohe Stelle beworben. Jetzt stimmt es wieder.
Wenn es zuhause passiert
Anmaßung gibt es nicht nur im Job. Vor kurzem hörte ich eine Geschichte. Eine junge Frau übernimmt ihrer jüngeren Schwester gegenüber die Mutterrolle.
Brisant daran: Die Mutter lebt. Sie ist da. Und sie möchte für ihre Kinder da sein.
Die Eltern sind getrennt. Der Vater ist mächtig stolz auf seine Große. Er bespricht alles mit ihr. Sie ist seine Vertraute geworden. Und sie ist stolz darauf.
Ich kann das gut verstehen. Es fühlt sich toll an, vom Papa ins Vertrauen gezogen zu werden. Gebraucht zu werden. Da wächst man über sich hinaus.
Nur: Sie wächst in eine Rolle hinein, die nicht ihre ist. Sie ist nicht die Mutter ihrer Schwester. Und sie ist nicht die, mit der der Vater klärt, was Eltern miteinander klären.
Und die Mutter? Steht draußen. Mit ihr wird nicht gesprochen. Man ist sich einig, alles im Griff zu haben. Ohne sie.
Das ist das Bittere an der Anmaßung. Sie trifft nicht nur die, die sich übernimmt. Sie trifft vor allem die, deren Platz besetzt ist. Die Mutter kann ihre Rolle nicht einnehmen, solange jemand anders darauf steht.
Wer könnte da etwas bewegen? Am ehesten der Vater. Wenn er sieht, was er seiner großen Tochter aufbürdet. Dass sie das gar nicht tragen muss. Und dass er ihr damit etwas nimmt: einfach Schwester sein zu dürfen. Und Tochter.
Drei Wege, wie es ausgeht
Wer sich ungefragt eine fremde Rolle nimmt, landet meistens bei einem von drei Wegen.
Weg eins: Es fliegt auf. Kolleg:innen tanzen nicht nach der Pfeife von jemandem, der sich nur anmaßt, Chef zu sein. Auch der Senior-Chef, der offiziell übergeben hat und trotzdem ständig reinredet – er war Chef. Ist er aber nicht mehr. Und wird irgendwann als das erkannt, was es ist: Anmaßung. Anerkennung? Fehlanzeige. Eher wird man geschnitten.
Weg zwei: Es bleibt unsichtbar. Die Mitarbeiterin, die alles für den Chef macht, nie erwähnt wird, einfach weiterarbeitet. Befördert wird am Ende er. Weil sie so tolle Arbeit geleistet hat. Sie selbst? Landet nicht selten im Burnout. Vor allem, wenn niemand ihren übergroßen Einsatz sieht. Auf dessen Anerkennung sie die ganze Zeit gewartet hat.
Weg drei: Es wird sichtbar – und gelöst. Jemand benennt die Lücke. Oder Du merkst selbst: Das ist gar nicht meins. Dann kann jeder wieder an seinen Platz. Der Chef wird Chef. Die Mutter wird Mutter. Und Du darfst wieder einfach Du sein.
| Weg | Was passiert | Was folgt |
|---|---|---|
| 1 | Es fliegt auf | Keine Anerkennung. Eher wird man geschnitten. |
| 2 | Es bleibt unsichtbar | Der andere wird befördert. Du landest im Burnout. |
| 3 | Es wird sichtbar | Jeder kommt wieder an seinen Platz. |
Wie kommst Du aus der Anmaßung wieder raus?
Indem Du die Rolle zurückgibst. An den, dem sie gehört.
Merkst Du, dass da ein Vakuum ist? Eine Rolle, die niemand ausfüllt? Dann:
- Mach den, der eigentlich dran wäre, darauf aufmerksam. Sag: Da ist eine Lücke. Füll sie bitte.
- Fordere Anerkennung für Dich ein. Direkt bei ihm.
- Reicht das nicht: Geh zum Chef vom Chef. Sag, was los ist.
- Oder geh selbst. Oder lerne erst noch was – und geh dann.
Was Du NICHT tun solltest: bleiben, und still die Aufgabe weitermachen. Das dankt Dir keiner.
Verwandt, aber nicht dasselbe
In der Transaktionsanalyse gibt es dafür ein eigenes Modell: das Dramadreieck – Opfer, Täter, Retter. Der Retter übernimmt, ohne gefragt zu werden. Und kippt irgendwann selbst in die Täter- oder die Opferrolle.
Der Unterschied zu meinem Blick: Im Dramadreieck gilt der Retter oft als jemand, der den anderen klein macht, um sich selbst groß zu fühlen. Ich sehe das milder. Es ist meistens gut gemeint. Trotzdem falsch.
Und Parentifizierung? Da übernehmen Kinder die Elternrolle, weil die Eltern ausfallen. Bei der großen Schwester ist das anders. Die Mutter ist ja da. Sie wird nur nicht gelassen.
Und jetzt Du
Wo machst Du gerade etwas, das eigentlich nicht Deins ist?
Meistens rutscht man da ganz unauffällig rein. Man sieht eine Lücke. Man denkt: Wenn ich das jetzt nicht mache, geht etwas kaputt. Und schon rettet man. Den Laden. Den Chef. Die kleine Schwester.
Wenn Dir sofort etwas einfällt: Das ist kein Grund, Dich schlecht zu fühlen. Es war wahrscheinlich gut gemeint. Aber es kostet Dich Kraft, die Dir woanders fehlt.
Stimmig wird es erst, wenn Deine offizielle Rolle und die Rolle, die Du tatsächlich lebst, zusammenpassen. Wenn Du das tust, was zu Deinem Platz gehört. Nicht mehr. Und nicht weniger.
Der erste Schritt ist ein Gespräch. Wer macht hier eigentlich was? Und wessen Aufgabe ist das? Oft klärt sich schon viel, wenn das einmal offen auf dem Tisch liegt.
Manchmal reicht das nicht. Dann merkst Du: Wir reden, aber es ändert sich nichts. Dann steckt mehr dahinter, als sich mit Worten lösen lässt. Da hilft eine Aufstellung. Zum Beispiel bei meinen Resonanzfeld-Abenden, online.
Häufige Fragen zu Cheffing und Anmaßung
Cheffing heißt „Führen von unten“: Mitarbeitende nehmen Einfluss auf ihre Vorgesetzten. Das kann gut sein. Übernimmt jemand aber ungefragt die Rolle des Chefs, wird daraus Anmaßung.
Anmaßung heißt: Jemand übernimmt ungefragt eine Rolle, die ihm nicht zusteht. Das Kind spielt die bessere Mutter, die Mitarbeiterin den besseren Chef. Meistens gut gemeint – und trotzdem bringt es das System durcheinander.
Nicht, wenn er sie Dir gibt. Das ist Delegieren. Anmaßung ist es, wenn Du sie Dir ungefragt nimmst. Aber auch beim Delegieren lohnt der Blick: Wer macht die Arbeit, und wer bekommt die Anerkennung und das Geld?
Weil der eigentliche Schaden unsichtbar bleibt. Ein unfähiger Chef fällt nicht auf, weil jemand anders die Arbeit macht. Er wird vielleicht sogar befördert – und die Person, die die Arbeit leistet, landet im Burnout.
Benenne die Lücke direkt bei ihm und fordere Anerkennung ein. Reicht das nicht, geh zum Chef vom Chef. Oder geh selbst. Still weitermachen dankt Dir keiner.